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Zwiebelfisch: Ziehen Sie die Brille aus!
Von Bastian Sick
Man kann Klamotten anziehen und Schuhe. Man kann auch Pech anziehen oder Glück. Und dann gibt es da noch dieses sonderbare Phänomen, dass Menschen Brillen anziehen, Uhren anziehen und sogar Taschen anziehen. Und das alles ohne Magnetismus!
Es war mal wieder typisches hamburgisches Wetter: Strahlend blauer Himmel und gleißender Sonnenschein. An solchen Tagen wimmelt es am Hafen nur so von Touristen: Franzosen und Spanier, Schweizer und Dänen, Schwaben und Franken , sogar Bayern und US-Amerikaner. Man hört die unterschiedlichsten Sprachen und Dialekte . Bei den Landungsbrücken sprach mich eine junge Frau an und fragte, ob ich wohl ein Foto von ihr und ihrem Freund machen könne. "Selbstverständlich", erwiderte ich, "es wird mir ein Vergnügen sein!" Sie reichte mir die Kamera und stellte sich zu ihrem Freund. Das erste Foto erschien mir recht gelungen, aber ich wusste, dass es noch besser geht: "Könnten Sie vielleicht die Sonnenbrillen abnehmen?" - " Kein Problem!" Die Frau setzte die Brille ab, und da ihr Freund es ihr nicht sofort gleichtat, stieß sie ihn an und rief: "Los, zieh die Sonnenbrille aus!"
Ich stutzte: Hatte ich richtig gehört? " Haben Sie gerade gesagt, er soll die Brille ausziehen?", fragte ich sicherheitshalber nach . "Ja!", erwiderte sie achselzuckend, "das hatten Sie doch vorgeschlagen?" Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder handelte es sich bei der Brille ihres Freundes um eine Detektiv-Sonnenbrille mit Teleskop-Bügeln, die man auf eine Länge von bis zu einem Meter ausziehen kann - oder die beiden kamen von einem fremden Planeten und sprachen eine seltsame Sprache . "Ich bin mir sicher, dass ich mich anders ausgedrückt habe. Ich würde nie von jemandem verlangen, eine Brille auszuziehen!", stellte ich klar. Da erwiderte sie lachend: "Machen Sie sich nichts draus, wir sind ausm Rheinland !" Das erklärte natürlich alles.
Anderntags begann ich, der Sache auf den Grund zu gehen und ein paar Recherchen zum Thema An- und Ausziehen anzustellen. "Dabei helfe ich gern !", bot mein Freund Henry begeistert an und erklärte auch gleich, wie er sich das vorstellte: "Du nimmst dir den neuesten Barbie-Katalog vor und ich mir den ' Playboy ' ..."
Ich nahm mir stattdessen lieber den "Duden"-Band 9 über "Richtiges und gutes Deutsch " vor, fand aber weder unter "Anziehen" noch unter "Ausziehen" einen Eintrag. Offenbar bereitet das An- und Ausziehen in sprachlicher Hinsicht wenig Probleme. Bemerkenswert ist zunächst, dass man sowohl Bekleidungsstücke als auch sich selbst anziehen kann. Indem man sich eine Hose und ein Hemd anzieht, zieht man sich selbst an. Und genauso kann man sich selbst gleichzeitig mitsamt seiner Kleidung auch wieder ausziehen. So wie in dem Lied von Hildegard Knef, das vom Leben einer Stripperin erzählt: "Ich zieh mich an - und langsam aus". Hildegard Knef trug übrigens gern große, auffällige Sonnenbrillen. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, ob die Knef die Brillen an- und langsam wieder auszog. Möglich, dass sie bestimmte Brillen geradezu magisch anzog wie ein Magnet, aber als Berlinerin wird sie diese schön brav "uff" ihre "Nese" "jesetzt" haben - und nicht etwa "uff" dieselbe "jezogen".
Der hochdeutsche Sprachstandard lässt das An- und Ausziehen nur in Hinsicht auf Kleidung zu. Einschließlich der Schuhe, was sogar zum geflügelten Wort wurde : "Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an!" So einen Satz wird man freilich niemals in einem Film zu hören bekommen, in dem Sarah Jessica Parker die Hauptrolle spielt. Die zieht sich bekannt jeden Schuh an - solange er nur teuer genug ist. Unsereiner zieht Hosen, Hemden und T-Shirts an, gelegentlich auch mal einen Anzug; weshalb selbiger so genannt wird.
Doch schon beim Schal wird es kompliziert. In der Aufzählung fällt der Schal vielleicht nicht weiter auf: "Er zog sich Mütze, Schal und Handschuhe an." Doch wenn es um den Schal alleine geht, ist es eher üblich, von "umbinden" und "abnehmen" als von "anziehen" und "ausziehen" zu sprechen.
Bei den so genannten Accessoires ist mit der Anzieherei im Standarddeutsch nämlich Schluss. Accessoires, auf Deutsch auch "Zubehör" genannt (zumindest in der Generation Playmobil), sind schmückende, zum Teil nützliche, zum Teil gänzlich unpraktische, dafür aber umso teurere Gegenstände wie Gürtel, Tücher, Krawatten, Mützen und Taschen. Diese werden standardsprachlich nicht an- und ausgezogen, sondern - je nach Accessoire - umgeschnallt, umgelegt, angesteckt, umgehängt, umgebunden oder aufgesetzt.
Doch was wäre die standardsprachliche Regel ohne die regionalsprachliche Ausnahme? In einigen Landstrichen der Republik , vor allem im Westen, zieht man nicht nur Kleidung an, sondern auch Brillen, Mützen und Krawatten.
Die Saarländer zum Beispiel ziehen Mützen an und Brillen aus, und es hat keinen Sinn, ihnen zu erklären, dass es im Falle der Brille "abnehmen" heißen müsse, weil die Saarländer das Wort "nehmen" nicht kennen.
Beim An- und Ausziehen macht die Regionalsprache auch vor Uhren und Schmuck nicht halt. Standardsprachlich werden Armbanduhren "um- und abgebunden", norddeutsch auch gern "um- oder abgemacht" ("Vergiss nicht, vor dem Baden die Uhr abzumachen!") - in anderen Gegenden aber auch "angezogen". Ebenso kann man gelegentlich hören, wie jemand darüber klagt, dass er seinen Ehering nicht mehr ausziehen könne. Und was ist mit dem Kopftuch? Kann man das ebenfalls an- und ausziehen? Diese Frage habe ich in der sogenannten Kopftuchdebatte bislang vermisst!
Eine junge Dame vom Niederrhein entdeckte beim Shoppen in Hamburg eine Handtasche, in die sie sich sogleich unsterblich verliebte. "Soll ich die Tasche für Sie einpacken?", fragte die Verkäuferin. "Nicht nötig", antwortete die glückliche Kundin, "die ziehe ich gleich an!" Die Verkäuferin dachte im ersten Moment, sie würde aufgezogen, bis sie begriff, dass sie es mit einer Besucherin von außerhalb zu tun hatte. " Falls Sie noch weitere Taschen ausprobieren wollen ", sagte sie mit einer eleganten Handbewegung über die Auslagen, "eine Frau von Welt braucht schließlich nicht nur eine Tasche zum Anziehen, sondern mindestens noch eine zweite zum Umziehen!"
In einem Internetforum stellte jemand die Frage, ob man unter einer Taucherbrille "auch eine Brille anziehen" könne. Er bekam darauf zahlreiche Ratschläge. Einer lautete: "Es gibt Taucherbrillen mit Sehstärke. Eine normale Brille kannst du aber nicht drunter anziehen. Am einfachsten sind Kontaktlinsen!" Ich hätte gerne gewusst , ob man die Kontaktlinsen ebenfalls "anziehen" kann. Meine Assistentin, die aus Mönchengladbach stammt, bestätigte mir: "Selbstverständlich kann man Kontaktlinsen anziehen!" Als sie als Studentin nach Hamburg kam, musste sie erst einmal lernen , dass man Brillen aufsetzt und abnimmt, dass man Ringe ansteckt und abzieht, Uhren um- und abbindet, Schmuck an- und ablegt. In ihrer Heimat brauchte man für all dies komplizierte An- und Abgetüdel nur zwei Wörter: anziehen und ausziehen. Sie findet auch heute noch, dass das doch viel praktischer sei. Statt sich einen Gürtel umzuschnallen, eine Brille aufzusetzen und einen Schal umzubinden, würde sie einfach Gürtel, Brille und Schal anziehen, das gehe doch viel schneller. Wo sie recht hat, hat sie recht.
Ich werde sie demnächst auf einen Tauchlehrgang schicken. Dann kann sie mir berichten, wie es ist, mit angezogenen Kontaktlinsen eine Taucherbrille anzuziehen.
(c) Bastian Sick 2010 ( http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/zwiebelfisch-ziehen-sie-die-brille-aus-a-718488.html )
Ich muss erstmal gestehen, dass es sehr unangenehm ist, die Zusmmenfassung im Computer zu schreiben. Ich würde viel lieber vom Papier lesen und selber auf das Papier schreiben.
Die Kolumne ist sehr interessant. Der Autor hat Beispiele aus dem realen Leben gebracht und was uns, den Lesenr, ganz nah dran ist, ist auch interessant und lustig. Ich habe gelesen und gelacht, gelesen und gelacht. Fast in jedem Abschnitt gab es etwas Lustiges. Die Abschnitte eins und zwei waren vom Anfang an bis zum Ende wie ein Witz . Die Geschichte mit einer jungen Dame vom Niederrhein, die beim Shoppen in Hamburg eine Handtasche entdeckte.
Es ist schwer jetzt nur einige lustige Sätze zu finden , weil der 3. Abschnitt genau so witzig ist, wie die ersten zwei. Er, der Autor, wollte sich mehr mit den Wörtern aus- und anziehen??? und sein Freund meinte,dass er ihm gerne dabei helfen könne: Du nimmst dir den neuesten Barbie-Katalog vor und ich mir den 'Playboy' ...
Es gibt eine Einleitung, in der man erfährt, um was es geht. Es gibt aber keine richtige Zusammenfassung zu dem ganzen Text, sondern nur zu den letzten Abschnitten.
Die Kolumne hat mir sehr gut gefallen, ich habe sowohl gute Laune bekommen als auch etwas Neues erfahren. Ich als keine Deutsche wusste nicht, dass man so etwas wie „ Zieh deine Brille aus!“, nicht sagt . Selber hätte ich diesen Ausdruck auch früher nicht bennutzt, aber wenn mich jemand gefragt hätte, ob das richtig ist oder nicht, hätte ich keine Antwort geben können.
Weil Berlin ja meine Lieblingsstadt ist und ich dort vor vielen Jahren selber auch gelebt habe, war es schön den einzigen Satz über Berliner zu lesen: "uff" ihre "Nese" "jesetzt" haben - und nicht etwa "uff" dieselbe "jezogen". Das kam mir bekannt und so heimisch vor.
Ich wollte grade in dem Duden nachschlagen, den ich zu Hause habe, habe dann aber entdeckt, dass ich denselben, wie der Autor, Bastian Sick gehabt hat.
Anziehen kann man: Schuhe, Kleider, Pech, Glück und sich selbst.
Eigentlich kann man auch keinen Schal anziehen, aber in der Aufzählung fällt er vielleicht nicht weiter auf: "Er zog sich Mütze, Schal und Handschuhe an.
Der hochdeutsche Sprachstandard lässt das An- und Ausziehen nur in Hinsicht auf Kleidung zu. Gürtel, Tücher, Krawatten, Mützen und Taschen werden standardsprachlich nicht an- und ausgezogen, sondern - je nach Accessoire - umgeschnallt, umgelegt, angesteckt, umgehängt, umgebunden oder aufgesetzt.
Es gibt auch regionalsprachliche Ausnahmen. Die Saarländer zum Beispiel ziehen Mützen an und Brillen aus. Weil ich jetzt von Bastian Sick 2 witzige Kolumnen gelesen habe, die mir sehr gut gefallen haben, bin ich mir sicher, wenn ich irgendwo den Namen wieder höre, will ich unbedingt mehr wissen , um was es geht.
Õpetaja kommentaar: Tekstianalüüsi kirjutades püüa vältida kõnekeelseid väljendeid. Sinu analüüs on kohati katkendlik: sa tood erinevaid näiteid tekstist, kuid mõnikord on arusaamatu, kuidas üks või teine näide omavahel seotud on, s.t. Sinu analüüs ei moodusta ühtset tervikut . Lisaks tood Sa palju näiteid enda kohta, mis ei kuulu tekstianalüüsi juurde. Tekstianalüüs algab sissejuhatusega: mida Sa lugesid, kes on autor, milline tekst jne. Järgneb kokkuvõte ehk lühike ülevaade, mis on teksti sisu. Siis saab tuua näiteid ja kirjeldada tekstile omaseid jooni ning kokkuvõttes tuua nö välja see, mida autor saavutas/saavutada soovis. Lõpus võib ühe-kahe lausega väljendada oma arvamust. Tekstianalüüs on üsna objektiivne ning analüüsida tuleb teksti, mitte seda, milliseid tundeid või mõtteid/ seoseid see Sinus kui lugejas tekitab.
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