Kann man in Nachkriegsdeutschland von der „Stunde Null“
sprechen ?
Nein .
Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 war man in
Deutschland nicht an einem historischen „
Nullpunkt “ angelangt. Von einem
„Vakuum“ konnte man nicht sprechen, von
einer „Stunde Null“
konnte nicht die Rede sein,
auch nicht im kulturellen
Leben nicht,
trotz der Brüche. Die Traditionen bestanden weiter.
Gab
es im kulturellen Leben eine Kontinuität? Was bildete den dominanten
literarischen Trend der Kontinuität?
Kontinuitäten
wirken
fort . Vor allem die
Tabula rasa Stimmung.
Literaturexperimente
Tradition weiter führen
Die
„inneren Emigranten“ geben den Ton an.
Warum wurde die Nachkriegsliteratur als „Trümmerliteratur“ bezeichnet?
Wer hat 1952 darüber
einen Aufsatz veröffentlicht? Wie überschreibt
er seinen Text?
Als was für eine Literatur hat man Heinrich Böll
zufolge die ersten schriftstellerischen Versuche seiner Generation
nach 1945 bezeichnet? Was hat man mit dieser Bezeichnung zu tun
versucht? Hat
seine Generation
sich gegen
diese Bezeichnung gewehrt?
Mit
Trümmer
sind
nicht nur die in Schutt und Asche liegenden Städte gemeint,
sondern auch die zerstörten Ideale und Utopien, die Wirklichkeit des Krieges
und die Erfahrungen zwischen Tod und Überleben innerhalb der
Trümmer.
H.
Böll „
Bekenntnis
zurTrümmerliteratur“. „Blindekuh-Schriftsteller“
H.
Böll: „Die ersten schriftstellerischen
Versuche
unserer Generation nach 1945 hat man als
Trümmerliteratur
bezeichnet,
man hat sie damit abzutun versucht. Wir
haben uns gegen diese
Bezeichnung nicht gewehrt,
weil sie zu Recht bestand: tatsächlich,
die
Menschen von
denen wir schrieben, lebten in Trümmern, sie kamen
aus dem Kriege, Männer und
Frauen in gleichen Maße
verletzt.“
Welche
Generationen treten in der Literaturszene der unmittelbaren
Nachkriegszeit Deutschlands auf?
Die
deutsche Literatur der unmittelbaren Nachkriegszeit ist geprägt
durch drei Autorengruppen: die »
junge Generation«, die Vertreter
der inneren Emigration und die Exil-Heimkehrer.
Was
bezeichnete der Begriff „junge Generation“? Welche Stimmung
herrschte bei der „junge Generation“ vor? Nennen Sie die
bekanntesten AutorInnen. Wo suchten Sie sich Vorbilder?
die
„junge Generation“: zwischen 1905 und 1915 geboren → eine
„Tabula rasa“-Stimmung (
Alfred Andersch)
Abgrenzung
wie der Identitätsstiftung
Ilse Aichinger, Heinrich
Böll,
Wolfgang Borchert,
Wolfdietrich Schnurre
- eine „Tabula rasa“-Stimmung (Alfred Andersch)
- ein Gefühl des Aufbruchs
- eine „enttäuschte, verratene Generation“
- zwischen 1905 und 1915 Geborene: Walter Mannzen und Walter Kolbenhoff, Alfred Andersch, Hans Werner Richter
- Identitätsstiftung: eine politisch-sozial bestimmte Gruppenidentität
- Abgrenzung: die Distanz zum Denken und Handeln der Vätergeneration
Vorbilder
waren die Autoren von Frankreich. (
oder Kafka )
Welche
Autoren dominierten vor allem in der literarischen Szene
im
Nachkriegdeutschland?
Die Trümmerliteratur setzte sich vor allem aus
jungen Autoren zusammen,
welche die Schrecken des Krieges am eigenen Leib erlebt hatten, an
der
Front und in Kriegsgefangenenlagern gewesen waren. Heinrich Böll,
Günter Grass, Borchet
In
welchem Zeichen stand die Konstituierung der deutschen Literatur in
unmittlebarer Nachkriegszeit? Welche Tendenzen angesichts der
kulturpolitischen Entwicklung und der Konstituierung der deutschen
Literatur wurden auf dem I.
Berliner Schriftstellerkongress 1947
erkennbar?
Die
Konstituierung der deutschen Nachkriegsliteratur (1945–1949)
- kein historischer „Nullpunkt“
- keine „Stunde Null“
- kein wirkliches Vakuum
In
der literarischen Szene
- dominierten Autoren, die an ästhetische Traditionen der Zeit vor 1933 anknüpften, → Autoren der Innerlichkeit: z.B.: Werner Bergengruen, Marie Luise Kaschnitz, Elisabeth Langgässer, Hans Carossa, Gertrud Le Fort;
- die mittlere Generation: Günter Eich, Peter Huchel u.a. → Beginn des Publizierens in den 30er Jahren
- die „junge Generation“: zwischen 1905 und 1915 geboren → eine „Tabula rasa“-Stimmung (Alfred Andersch)
Nennen
Sie einige SchriftstellerInnen, die in die spätere DDR gegangen
waren.
Brecht , Eisler
Wann und durch wen wurde die Gruppe 47 gegründet? Was hatte diese Gruppe
sich zur Aufgabe gesetzt?
Im
Juli 1947 durch Hans Werner Richter. Vorzulesen und Kritisieren der
Manuskripten
Was
hatte Hans Werner Richter kritisiert?
KRITIK
von Hans Werner Richter
- „das Überzeitliche“
- „die ewigen Gesetze des Schönen“
- die Umgehung der Gegenwart
- der zeitlose Trost
„Er
verlor mehr , sehr
viel mehr. In ihm zerbrach eine
Welt . Seine inneren
unsichtbaren Trümmer sind adäquat den sichtbaren äußeren
Trümmern.
Unter ihnen liegt auch das Bildungsideal des 19.
Jahrnunderts, das
erst kürzlich geistig zu Ende
ging .“ (Hans
Werner Richter)
Lehnte
er die Gestaltung des ‚Überzeitlichen‘ völlig ab?
Nein
Was
hieß „KAHLSCHLAG“? Betrachten Sie mehrere
Aspekte .
Absetzen
von einer progandistisch im Nationalsozialismus missbrauchten
Sprache ; suche nach einem neuen, unpathetisch-klaren
Stil Das
Reale
ohne schöne Lügen, ohne Verbrämungen erfassen, in die man
kein Misstrauen hat, das ja „ein allgemeines Misstrauen in die
Menschheit“ hervorruft
Eindeutige
und verstöndliche Sprache
Als
eine thematisch ähnliche Nebenströmung existierte die
Kahlschlagliteratur. Die vor allem von
Wolfgang
Weyrauch
im
Nachwort seiner Kurzgeschichtenanthologie
Tausend
Gramm skizzierte
Strömung betont
noch einmal den magischen Realismus. Die Literatur
sollte als Kahlschlag im Dickicht der Zeit fungieren, also
bei der Bewältigung des Vergangenen und beim Neuaufbau der
Zukunft behilflich sein.
Was
war die wichtigste Prosaform der Nachkriegszeit? Warum übernahm die
junge Generation gerade diese Form für die erzählerische
Verarbeitung ihrer Erfahrungen?
An
wem hatten sie sich ein Vorbild genommen und warum?
Kurzgeschichte.
Sie wurde von vielen Autoren, besonders von Borchert und Schnurre,
genutzt. Als Vorbild hatten sie die amerikanische short story sowie
die Autoren William
Faulkner ,
Ernest Hemingway und Edgar Allan Poe.
Sie hatten eine ähnliche Erfahrungshintergrund, „
lost generation“
Zu den bekanntesten Kurzgeschichten Borcherts gehören:
Die
Küchenuhr,
An
diesem Dienstag
und
Die
Kirschen.
Amerikanische
Short Story. „Es war so unglaublich schwer, kurz nach 1945 auch nur
eine halbe
Seite Prosa zu schreiben“ (H. Böll)
Was
ist Heinrich Böll zufolge
eine
KURZGESCHICHTE? Was gehört Heinrich Böll zufolge („Bekenntnis zur
Trümmerliteratur“, 1952) „zum Handwerkzeug des Schriftstellers“?
Und wofür braucht man das?
Nach
Böll ereigne sich eine Kurzgeschichte
dort , wo Augenblick und Unmittelbarkeit/Ewigkeit zusammenstossen. Ein gutes Auge gehört zum
Handwerkszeug des Schriftstellers, ein Auge, gut genug, ihn auch
Dinge sehen zu
lassen , die in seinem
optischen Bereich noch nicht aufgetaucht sind.
Die
Trümmerlyrik
die
restaurativen Züge
→
Überzeitlichkeit
der Aussage wie der Form,
→
Zeit-
und Weltferne
→
Zunahme
religiöser Züge und christlicher Motive
→
Versenkung
in die vermeintliche Über- und Außerweltlichkeit der Poesie
z.B.
Friedrich Georg Jünger, Hans Egon Holthusen, Ina Seidel
einlösung
eines poetischen Neuanfangs. z.B. W. Schnurre, G. Eich
Peter
Huch
(3. April 1903 bis 30. April 1981): deutsche Lyriker, Hörspielautor
und Redaktur
Nelly
Sachs (eigentlich
Leonie
Sachs;
10.
Dezember 1891 bis 12.
Mai
1970):
jüdische-deutsche Schriftstellerin und Lyrikerin; Nobelpreis 1966
Paul
Celan
(„Die Todesfuge“) 23.
November
1920
-
20.
April
1970
;einer
der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts
,
durch
sein Gedicht
Todesfuge
erlangte er Weltruhm
Konnte
von einem anspruchsvollen deutschen Gegenwartsdrama im Ernst die Rede
sein? Und
wenn ja, welche Ausnahmen gab es? (3X:
Namen +
Titel )
Fritz Erpenbeck (1807–1875): „Im Anfang war das Chaos.“
Bertolt
Brecht (1989–1956): „ruinentheater“
Hang zur Naturlyrik und zum Geschichtsmythologen, einzelne Motive
Manfred
Hausmann (1989–1969):
Worpsweder
Hirtenspiel,
1949 Brecht „Ruinentheater“
Bernt von Heiseler (1907–1969:
Philoktet,
1947 Wilder „Unsere kleine
Stadt “
Horst
Lange:
Der Traum von Wassilikowa,
1946 Hausmann „Worsweder Hinterspiel“
Frank
Thieß:
Tödlicher Karneval ,
1948
Welche
Theaterstücke haben in den 40er Jahren die Theaterszene angeregt?
Wolfgang
Borchert:
Draussen
vor der Tür (1946)
, Carl Zuckmayer:
Des
Teufels General (1942),
Günther Weisenborn:
Die
Illegalen (1946)
Welche
Kleinform wurde auf dem
Theater gefördert?
die kabarettistische Kleinkunst
Bertold
Brecht (
1898 −1956): das aristotelische Theater ↔ das epische
Theater
Das aristotelische Theater
Das epische Theater
Die Bühne“verkörpert“ einen Vorgang
sie erzählt ihn
verwickelt den Zuschauer in eine Aktion und
macht ihn zum Betrachter
aber verbraucht seine Aktivität
weckt seine Aktivität
ermöglicht ihm Gefühle
erzwingt von ihm Entscheidungen
vermittelt ihm Erlebnisse
vermittelt ihm Kenntnisse
der Zuschauer
wird in eine Handlung hineinversetzt
er wird ihr gegenübergesetzt
es wird mit
Suggestion gearbeitet
es wird mit Argumenten gearbeitet
die Empfindungen
werden konserviert
bis zu Erkenntnissen getrieben
der Mensch wird als bekannt vorausgesetzt
der Mensch ist Gegenstand der Untersuchung
der unveränderliche Mensch
der veränderliche und verändernde Mensch
Spannung auf den Ausgang
Spannung auf den
Gang eine Szene für die
andere jede Szene für sich
eine Geschehnisse verlaufen linear
in Kurven
natura non facit saltus
facit saltus
die Welt, wie sie ist
die Welt, wie sie wird
was der Mensch
soll was der Mensch
muss seine Triebe
seine Beweggründe
das Denken bestimmt das Sein
das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken
Warum
brauchte Brecht eine neue Theaterform?
Brecht
wollte ein analytischen Theater, das den Zuschauer zum distanzierten
Nachdenken und Hinterfragen anregt.
der
V-
Effekt / Verfremdungdeffekt:
Ist
ein literarisches Stilmittel und Hauptbestandteil des Epischen
Theaters nach B. Brecht. Eine Handlung wird durch Kommentare oder
Lieder so unterbrochen,
dass beim Zuschauer jegliche Illusionen
zerstört werden. So kann er der Theorie zufolge eine kritische
Distanz zum Dargestellten einnehmen
50er
JAHRE : Welche österreichische Schriftstellerin galt seit den 50er
Jahren als bedeutendste Vertreterin einer poetischen
Moderne ?
Friederike
Mayröcker
Aus
welchen Gründen mag das Hörspiel in den 50er Jahren eine Art
Renaissance erlebt haben? Nennen Sie die wichtigsten
HörspielautorInnen.
Alfred
Andersch, Ernst Schnabel,
Axel Eggebrecht, Günter Eich
Nennen
Sie drei Gründe, warum das HÖRSPIEL nach dem
Krieg so groß
rauskommen konnte?
Diese
Tatsache war vor allem den äußeren Umständen im
Nachkriegsdeutschland geschuldet, in dem der Großteil der Theater
und
Kinos noch
zerstört waren
Warum
wurde Uwe Johnsons
Roman „Mutmaßungen über Jakob“, eine
Geschichte über „die deutsche Teilung“, in der DDR bis Ende der
80er Jahre
kaum ernsthaft zur Kenntnis genommen?
Was
charakterisiert die Literatur der 50er Jahre insgesamt?
In den Romanen werden
Themen wie der Krieg und der
Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit und die deutsche Gegenwart
angesprochen.
Warum
gibt es in den 50er Jahren ein (
west -)deutsches
Drama von
Rang nicht?
(SIEHE z.B. Ralf Schnell: Geschichte der deutschsprachigen Literatur
seit 1945)
Dass sich in den 50er Jahren kein repräsentatives deutsches Drama
finden lässt, ist Indiz nicht nur der unbewältigen Vergangenheit,
sondern auch einer nichtbegriffenen Gegenwart. Erst mit wachsender
kritischer Distanz zur reaktiönären Ära, zur
Wirtschaftswundergläubigkeit und den ideologischen Ausverkauf an die
Westmächte, durch die Wiederaufrüstung und später die Einfüfrung
der Notstandsgesetze in Deutschland entwickelt sich ein Bewusstsein
und auch die Mögichkeit für die Wirkungen der Theatersprache und
Bühnenrealität.
*******
60er
JAHRE Als was betrachtet Rolf Hochhuth die „Schaubühne“? Welche
Traditionen befolgt er?
Rolf Hochhuth hat die „Schaubühne als moralische Anstalt“, in
Schillers Tradition, wieder zum Leben erweckt.
Warum
spricht man „1968“ vom Tod der Literatur? Hans
Magnus Enzensberger sprach beispielsweise 1968 in „Gemeinplätze, die
neueste Literatur betreffend“ vom Sterbeglöckchen für die
Literatur. Worum ging es ihm (und den beiden
anderen genannten
Autoren) eigentlich?
Die bürgerliche Literatur sei tot,
verkündete Hans Magnus Enzensberger 1968 ebenso dramatisch wie
apodiktisch, man könne keinesfalls so weiterschreiben wie zuvor.
- Ein Jahr des politisch – kulturellen Umbruch in der Bundesrepublik.
- Neue, subkulturelle Verkehrsformel
- Es ging um neue Mitteln, die Welt in Literatur beschreiben können, neue Ausdrucksformen. Nicht um Abschaffung der Literatur, sondern um die Neubestimmung ihrer Funktion .
Ging
es 1968 um die Kampfansage an die Literatur oder um eine Absage an
die Literatur bzw. ihren Tod?
Es
ging um die Kampfansage an die Literatur
Wodurch
ist der westdeutsche Schriftsteller Günter Wallraff (geb. 1942)
bekannt geworden?
Er ist durch seine Reportagen
über
diverse Großunternehmen,
die
Bild - Zeitung
und
verschiedene Institutionen bekannt geworden, für die er sich
stets der Methoden des
investigativen
Journalismus
bediente.
70er
Jahre: Wann vollzieht sich der Durch- und Aufbruch des weiblichen
Schreibens?
Eine
ganz neue Form deutschsprachiger Frauenliteratur tauchte in den 70er
Jahren auf. Dabei handelte es sich zum großen Teil um
Erfahrungsberichte aus dem weiblichen
Alltag , die durch ihre oft
experimentelle literarische Form das Problem weiblicher Produktivität
selbst mitreflektierten und darauf pochten, wahrgenommen zu werden.
Diese literarische Entwicklung
steht im Zusammenhang mit dem
Auftauchen anderer emanzipatorischer Literatur wie z. B.
Gefangenen-, Homosexuellen- und Migrantenliteratur.
*******
80er
Jahre: Siehe die DDR-Literatur +
z.B.:
http://www.was-war-wann.de/1900/1980/literatur-der-80er.html Das Deutschland der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war zum
einen überschattet durch die noch Jahrzehnte später nachwirkenden
Ereignisse der nationalsozialistischen Diktatur, den Zweiten
Weltkrieg und den Holocaust, die eine Zäsur inmitten des
Jahrhunderts darstellten, die einen fundamentalen Neubeginn
erforderte. Zum
anderen handelte es sich um eine gespaltene
Nation , ein Gefälle
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen
Demokratischen
Republik . Ebenso zweigeteilt wie das
Land war auch
seine Literatur; Menschen, die in der gleichen Sprache schrieben,
schrieben in verschiedenen Welten, in verschiedenen Systemen und
unter verschiedenen Voraussetzungen. Annäherungen zwischen der
Literatur der BRD und der DDR fanden
erst im Laufe der 80er Jahre statt. Nachdem der Liedermacher
Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert worden war, folgten
andere Schriftsteller ihm nach und siedelten ebenfalls in
die Bundesrepublik über. Dadurch vollzog sich nicht nur eine reale
Wanderung, auch eine Wanderung innerhalb der Literatur fand statt,
die Literaturen der beiden Teile Deutschlands erhielten so die
Möglichkeit, sich zu berühren und zu durchdringen und zu
Ausgleichstendenzen zu finden. Unter den Autoren, die aus Protest
gegen die Ausbürgerung Biermanns in die BRD übersiedelten, befanden
sich beispielsweise die Lyrikerin Sarah Kirsch und der Dichter
Reiner Kunze.
Neben den spezifisch
deutsch -deutschen Tendenzen griffen in
den 1980er Jahren jedoch auch andere Einflüsse auf die Literatur
über. Der Begriff der Postmoderne begann sich zu etablieren und auf
das literarische Schaffen einzuwirken, dieses aber auch zu
etablieren, da bezüglich der
Definition kein Konsens besteht und bis
zum heutigen Tage auch keine Einigung zu erkennen ist.
Doch gerade
diese Uneinheitlichkeit ist kennzeichnend, Brüchigkeit und
Vielfältigkeit
wohnen dem Postmodernen inne, das
Subjekt des
postmodernen
Romans wird in eine problematisch gewordene Welt
gestellt, mit seiner Individualität konfrontiert und innerhalb einer
brüchigen Wirklichkeit zur Schicksalsfindung herausgefordert. Die
Literatur der Postmoderne verweigert sich linearem und
chronologischem Erzählen, statt Einheitlichkeit herrschen
fragmentarische Tendenzen vor, statt Sinnstiftung erfolgt
Sinnverweigerung. Auch die Selbstbezüglichkeit ist ein großes
Thema innerhalb dieser literarischen Strömung, mehr und mehr wird
innerhalb der Literatur über die Literatur selbst reflektiert,
der Autor tritt
hinter seinem Text zurück und lässt
diesen für sich sprechen, das Motiv der Bibliothek im Allgemeinen
oder des Buches an sich wird zum dominierenden Motiv; einreihen in
diese Traditionsreihe ließe sich im internationalen Kontext Umberto
Ecos Roman "Der Name der
Rose ", in der deutschen Literatur
greift Michael Endes Fantasy- und Jugendroman "Die
unendliche Geschichte" den Topos auf.
Einer der
erfolgreichsten deutschen Romane der 80er Jahre war
Patrick Süskinds
"Das
Parfum - Die Geschichte eines Mörders", der das
seltsame Leben des Außenseiters Grenouille erzählt, der von seinem
genialen Geruchssinn getrieben zum umherziehenden Mörder wird,
letztendlich aber an seinem eigenen Parfum zugrunde geht. Süskinds
Roman, der zum internationalen Beststeller wurde, lässt sich der
Literatur der Postmoderne zurechnen.
90er
Jahre: Was bildet die 1. ( / Ab wann spricht man vom Ende der
deutschen Nachkriegsliteratur?) und was die 2. Zäsur in der
deutschen Literatur der Nachkriegszeit?
Frank
Schirrmacher 3.10.1990 Veröffentlichung „Abschied von der
Literatur der Bundesrepublik“
Nachkriegsliteratur-Ende
Zäsur- die Jungen traten auf. Die Popliteratur (Moris Bassler „Der deutsche Pop-Roman. Die neue Archivisten).
Zäsur- Faserland C.Kracht, Marketing . Oberflächenwelt, aber positiv konnotiert. Martin Walser, Günter Grass. Im Osten : Kapitalismuserfahrungsliteratur
Die
Alten schreiben weiter.
Auf
welche Jahre werden diese datiert?
1990
Wessen
und welches Buch markiert die zweite Zäsur? Was für eine Literatur
gebe es von da an in Deutschland?
Warum
ist es zum Literaturstreit um Christa Wolf gekommen? Ist dieser
Streit lediglich als eine Auseinandersetzung um eine Person und ihr
Schaffen aufzufassen oder ging es um etwas mehr oder um etwas
anderes? Kritisierten
die politische Haltung. Glaubwürdigkeit von C.Wolf. Die Erzählung
zu spät veröffentlicht, der Text hätte den Überwachungsregimen
geschadet. C.Wolf hätte aus Angst um ihre Privilegien geschwiegen.
Auserandersetzung um einen bestimmten Typus des politische
engagierten Schriftsteller (es ging nicht nur um sie).
Zweite
Phase: Bekenntnis zu ihrer Stasi -Mitarbeit.
Symbol dieses Streits
Es
ging um die Machtverhältnisse der BRD und DDR. Einfluss und Geld für
jeweiligen Kulturbetrieb. Auch ein Generationskonflikt.
In
welchen Jahren fanden diese zwei Literaturstreite statt?
1990
und 1993
Warum
veröffentlichte Wolf „Was Bleibt“ im Jahre 1989?
Fertig
wurde 1979. Überarbeitung nach dem Mauerfall. Hatte Angst um ihre
Privilegien.
Was
kennzeichnet die MEDIEN- UND FUN-GENERATION?
→ Sie
ist groß geworden mit Satellitenfernsehen, PCs, Internet , E-Mail und
Handys.
→ Es
sind Kinder der Überfluss- und Globalisierungsgesellschaft, der
Medien- und Informationsgesellschaft, der Party - und Fungesellschaft,
die das Spielfeld betreten und eigene Regeln entwerfen.
→ Schreiben
ist für sie eine Ausdrucksmöglichkeit unter anderen.
→ Chatten,
SMS und Mailen sind dessen neue Grundform und ausgerichtet auf eine
veränderte Art der Kommunikation.
→ Funsport
hat in ihr Leben ebenso selbstverständlich Einzug gehalten wie die
Hip-Hop- Kultur mit ihren Techniken Rappen, Raven und Scratchen.
→ Individualität,
Flexibilität, Simultaneität und Mobilität prägen diese
Jugendkultur.
Sie
definiert sich über Marken, Moden, Szenen und Stile .
Diese
neue Befindlichkeit äußert sich thematisch in einer Lust am Experiment , noch häufiger in einer Rückwendung ins Private; manche
Bücher sind von einer fast autistischen Weltsicht geprägt.
Die
Beschränkung auf die eigene Biographie ist eine Art Trotz- und
Abwehrreaktion auf die permanente (= dauernd, ununterbrochen,
ständig) Informationsüberflutung.
Dazu
kommt, dass diese jüngste Generation wie keine zuvor von Anfang an
so deutlich lernen musste, dem
Erfahrungswert der Medienwirklichkeit zu misstrauen.
Sie
muss auch den Riss zwischen der virtuellen Welt und den greifbaren
Fakten erkennen, Fiktion und Realität voneinander unterscheiden.
Was
markiert man mit dem Jahr 2005? Also was für eine Zeit ist beim
Erzählen zu Ende? Wohin kehrt man zurück? Wessen und was für ein
Buch haben wir hier als Beispiel angeführt und besprochen? Das
Ende der experimentellen Zeit. Kehrt zurück zu traditionellen
Gattungen und Themen.
„Die
Vermessung der Welt“ Daniel Kehlmann
I.Schulze
„Neue Leben“ (Wenderoman)
DDR-Literatur
In
welche Phasen kann die DDR-Literatur aufgeteilt werden?
Man kann DDR-Literatur in vier Phasen aufteilen: Die 1950er Jahre –
Aufbauliteratur, die 1960er Jahre – Ankunfsliteratur, die 1970er
Jahre – Liberalisierung und die 1980er Jahre als
Untergrundliteratur
Was
kennzeichnen alle diese Phasen? + literarische Beispiele, die jeweils
jeder Etappe zugerechnet werden können + die AutorInnen.
Die
1950er Jahre:
Die
Aufbauliteratur
befasste
sich thematisch mit dem Aufbau großer Industrieanlagen. In den
Erzählungen sind die Arbeiter die Helden und der Held der
spezifischen Erzählung ist ein besonders qualifizierter und
erfahrener (also meist etwas älterer) Arbeiter, der unter
Schwierigkeiten hilft, das Werk aufzubauen, sich also durch eine
besondere Leistung in der Arbeit auszeichnet. Meist treten auch
Vertreter „der alten Kräfte“ auf. Das sind Saboteure, die den
ökonomischen Erfolg des Sozialismus verhindern, und entlarvt werden
oder in den Westen fliehen. Indem der Aufbau der Industrieanlage
zuletzt erfolgreich ist und der Sozialismus „seinen Lauf “ nimmt,
propagiert die Aufbauliteratur eine optimistische Perspektive. Es
handelt sich um eine didaktische Literatur im Interesse des Aufbaus,
die die Menschen dazu ermutigen soll, sich für die Sache des
Sozialismus zu engagieren. Ein klassischer Vertreter ist hier z.B. Eduard Claudius
mit
seinem Werk „Menschen an unserer Seite“.
Die Aufbauliteratur will und soll die Errungenschaften des
Sozialismus und den Sieg über Faschismus darstellen.
Die
1960er Jahre:
1961–1965
Auch
in der Literatur gab es eine liberale Phase, die vom „Bitterfelder
Weg“
geprägt war, der durch die Bitterfelder Konferenz von 1959 eingeleitet wurde. Dieser Bitterfelder Weg und die Tatsache, dass die
DDR-Grenze vollständig geschlossen war und ein Arrangement in den
Verhältnissen der DDR unerlässlich wurde (es gab keinen Ausweg
mehr) bildete die Grundlage der Ankunftsliteratur,
welche besonders von Brigitte
Reimanns „Ankunft
im Alltag“
von 1961 geprägt wurde. Typischstes Beispiel ist „Der
geteilte Himmel“ (1963)
von Christa
Wolf.
In der Literatur sind die Hauptfiguren nun meist jüngere,
intellektuelle Menschen, die sich sowohl im Beruf als auch im
Privaten bewähren müssen, z. B. auch bei Christa Wolf „Der
geteilte Himmel“. In diesem Werk tritt noch eine weitere Tendenz zu
Tage, nämlich dass zunehmend auch weibliche Hauptfiguren auftreten.
1965– 1971
Bereits
vor 1965 nahmen die Restriktionen in der Kulturpolitik wieder zu –
der Regimekritiker Robert
Havemann wurde
1963 von der Universitätsparteileitung und 1964 komplett aus der
Partei und der Humboldt -Universität ausgeschlossen,
und auch die Freiheiten, welche das NÖSPL den Betrieben garantieren
sollte, wurden nur zögerlich gewährt. 1965 schließlich endete auch
eine Demonstration von Anhängern der Beat- Musik mit einer
Massenfestnahme und entsprechenden Gerichtsverfahren. Im November des
Jahres forderte nun der damalige Sekretär des Nationalen
Verteidigungsrates, Erich Honecker ,
auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees eine
„saubere Leinwand“ und wetterte gegen schädliche Tendenzen,
Skeptizismus und Unmoral. Folglich wurden 12 DEFA-Filme
verboten, Biermann, Stefan
Heym und
Havemann erneut durch Verbote gegängelt. Ebenso kam die Literatur,
welche auf der Linie des Bitterfelder Wegs lag, in Verruf und
praktisch zu einem Ende.
Die
1970er Jahre:
Die Ablösung des Staatsoberhauptes Walter Ulbricht 1971
durch Erich
Honecker war
ein bedeutender Einschnitt für die DDR-Literatur. Es wird in diesem
Zusammenhang von der „Zweiten Generation“ gesprochen . Honecker
beschloss ein Liberalisierungsprogramm für die gesamte Kunst und
Literatur. Dies bedeutete anfangs, dass den DDR-Schriftstellern mehr
Freiheit zugesprochen wurde, solange die Basis des Sozialismus gewährleistet
und in den Werken vorhanden war. Wichtig in diesem Zusammenhang ist
der Begriff der „subjektiven Authentizität“, der durch Christa
Wolf (z. B.
Christa Wolf „Nachdenken über Christa T.“,
1968) stark geprägt wurde. In Christa Wolfs Konzept der „subjektiven
Authentizität“ steht nicht mehr so sehr der Sozialismus im
Vordergrund, sondern vielmehr die Probleme des Individuums in der
sozialistischen Gesellschaft.
Das
Liberalisierungsprogramm endete jedoch 1976 mit der Ausweisung Wolf
Biermanns und
weiteren Ausbürgerungen und Emigrationen von
ca. 100 DDR-Schriftstellern, so z. B.Sarah
Kirsch, Günter
Kunert und Reiner
Kunze,
die in die Bundesrepublik übersiedelten.
Die
1980er Jahre:
Die
Literatur teilte sich hier auf. Einige DDR-Schriftsteller schrieben
so weiter wie bisher. Andererseits gab es jedoch auch eine subversive
Tendenz, die sich als „Untergrundliteratur“ oder Bohème bezeichnen lässt. Im Ostberliner Stadtviertel dem Prenzlauer Berg
bildete sich eine Szene von jungen Literaten heraus, die auf die
traditionelle Methode der Publikation durch Verlage verzichtete. Sie
publizierten in kleinen Auflagen und gaben viele Lesungen (teilweise
mit Musik), um ihre Werke verbreiten zu können. Sie orientierten
sich an poststrukturalistischen Tendenzen aus Frankreich und wollten
eine Literatur schaffen, „die die Stasi nicht versteht“. Diese
DDR-Autoren bedienten sich also einer bewusst irrationalen
Schreibweise, um eine Opposition zur SED zu bilden und um gegen die
staatlichen Restriktionen zu protestieren. Zu ihnen zählten
u. a. Stefan
Döring, Egmont Hesse ,Jan
Faktor, Johannes Jansen , Uwe
Kolbe, Andreas
Koziol, Leonhard Lorek , Detlef Opitz , Frank-Wolf
Matthies, Bert Papenfuß-Gorek, Cornelia
Schleime, Michael
Rom, Ulrich Zieger.
Die zeitweilig als Spiritus rectores im
Zentrum dieser Szene stehenden Sascha Anderson und Rainer Schedlinski wurden
nach der Wende als Inoffizielle
Mitarbeiter desMinisteriums
für Staatssicherheit entlarvt,
die ihre eigenen Kollegen ausgiebig bespitzelt hatten.
Wessen
Roman gab der sog. Ankunftsliteratur den Namen?
Brigitte
Reimanns
„Ankunft
im Alltag“
von 1961
Welcher
Stellenwert wurde in der DDR der Literatur beigemessen? Generell
wurde bei der Einordnung der ostdeutschen Literatur
(kultur)politischen Fragen ein sehr hoher Stellenwert beigemessen.
B. Greiner vertrat aus duesem Grund bereits 1983 die Auffassung, dass
die „Verquickung von Germanistik und Politik [...] die Forschung
der DDR-Literatur bis heute eingeengt“ habe.
Was
ist der Bitterfelder Weg? + literarische Beispiele"Bitterfelder
Weg" bezeichnet eine künstlerische, insbesondere literarische
Bewegung in der DDR, die das künstlerische Laienschaffen fördern
und thematisch die Probleme der Arbeitswelt aufgreifen sollte.
Eingeleitet wurde der Bitterfelder Weg mit den beiden "Bitterfelder
Konferenzen".
Bräunig
„Rummelplatz“
Christa
Wolf „Der geteilte Himmel“
Wann
gab es Tauwetter-Perioden in der DDR? Es gibt zwei Phase: in der auf Stalins Tod plegenden Phase:
Entdogmatisierung (Der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953) und
in der Zeit nach E. Honeckers Amtsantritt als Parteivorsitzer der im
Mai 1971
die
Zensur + Beispiele
Als
Zensur
wird im deutschen Sprachraum die staatliche Kontrolle und Genehmigung
einer geplanten Veröffentlichung verstanden. Der Autor muss das
geplante Werk einer Zensurbehörde für die Freigabe zur
Veröffentlichung vorlegen.
Die
Zensur in der DDR verhinderte das Erscheinen von Uwe Johnsons
Debütroman "Ingrid Babendererde" oder Irmtraud Morgners
" Rumba auf einen Herbst ".
zwei
Formen von literarischer Regimekritik + literarische Repräsentanten.
Innerhalb
des Rahmens des sozialistischen Realismus. Edward Claudius „Menschen
an unserer Seite“, Erwin Stittmatter „Ole Bienkopp“
Abweichung
der Theorie des sozialistischen Realismus. Hermann Kant „Das
Impressium“
Die
Ausbürgerung Wolf Biermanns (geb. 1936). Deren Folgen und
Auswirkungen auf die Geschichte der DDR-Literatur, die
kulturpolitische Entwicklung, ja auf den weiteren Verlauf der
DDR-Geschichte insgesamt. + Das Kölner Konzert des Liedermachers
Wolf Biermann müsse nach dem 17. Juni 1953 und dem 13. August 1961
als das zentrale deutschlandpolitische Ereignis der 70er Jahre
gewertet werden. ( Claus Christian Malzahn)
Der Liedermacher Wolf Biermann setzte sich konsequent kritisch mit
der DDR auseinander und erhielt dafür auch öfters
Aufführungsverbote. Zum Eklat kam es, als Biermann 1976 ein in Köln
offiziell genehmigtes Konzert gab und ihm die Rückkehr in die DDR
verweigert wurde. In einem offenen Brief forderten zahlreiche
Schriftsteller vergebens, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen.
Viele Autoren verließen in der Folgezeit die DDR und übersiedelten
in den Westen, z.B. Sarah Kirsch und Günter Kunert. Andere Autoren
wurden vom DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen oder traten
selbst aus.
Mehr
als 70 Schriftsteller
und Künstler appellierten in einem offenen Brief an die SED-Führung,
Biermanns
Ausbürgerung zurückzunehmen. Die SED-Führung reagierte mit
Repressalien gegen die Protestierenden, es kam zu Verhaftungen,
Hausarresten, Publikationsverboten
und Ausschlüssen aus dem DDR-Schriftstellerverband
Mit der Ausbürgerung Wolf
Biermanns
endete die Periode der Liberalisierung. Mehr als 100 Autoren
verließen in der Folgezeit die DDR und gingen in den Westen, z.B.
Sarah
Kirsch,
Jurek Becker ,
Erich
Loest
und Günter
Kunert.
Ein Sonderfall war Christa
Wolf,
der man auf Grund ihrer großen Popularität das Wort nicht verbieten
konnte. Sie blieb in der DDR und publizierte weiterhin.
+
Warum schreibt Christa Wolf ihr Buch „Kein Ort. Nirgends“
ausgerechnet im Jahr 1977?
Die Situation der Künstler in einem engen gesellschaftlichen Korsett ihrer Zeit, wie sie zwischen Kleist und der Günderrode angesprochen
wird, erinnert an die Lage in der DDR und die damalige anhaltende
Debatte um die Rolle des Künstlers im Sozialismus im Umfeld der
Ausbürgerung Biermanns
1976
80er
Jahre: eine neue Autorengeneration: UWE KOLBE
(ein deutscher Lyriker und Prosaautor; „Nicht wirklich platonisch“,
„Ortvoll“, „Die Farben des Wassers“ usw), BERT
PAPENFUß-GOREK
(ein deutscher Lyriker), RAINER
SCHEDLINSKI
(ein deutscher Lyriker und Essayist. In der DDR gehörte er in dern 1980er Jahren zu den führenden Autoren der oppositionellen
Literatuszene und war in dieser Zeit Informeller Mitarbeiter im
Ministerium für Staatssicherheit; „Die Männer der Frauen“, „Die
Rationen den Ja und des Nein“ usw), LUTZ RATHENOW
(ein deutscher Lyriker und Prosaautor), STEFAN
DÖRING
(ein deutscher Schrifftsteller und Übersetzer), DURS
GRÜNBEIN
(ein deutscher Lyriker, Essayist und Übersetzer; „Die Bars von Atlantis “, „Lob des Taifuns“; „Liebesgedichte“ usw))
Wovon
handeln folgende Werke:
Werner
Bräunig: Rummelplatz:
handelt
von der Wismut AG und von Ost- und West-Deutschland, von deren
Anfangsphasen, und endet mit dem 17.
Juni 1953.
Im
Stile eines Gesellschaftsromans werden Anfang der fünfziger Jahre
mehrere Personen vor allem im sächsischen Raum durch ihr
wechselvolles Leben begleitet. Die Zeitspanne ist fest umrissen und
reicht von der Gründung der DDR (Oktober 1949) bis zum legendären
Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953. Zunächst dreht sich alles um die
ominöse Wismut AG, einer sowjetisch administrierten Firma, die auf
der Suche nach dem nun wertvollen Uranerz (Atombombe) nach 1945
schlagartig den Bergbau zurück ins schon früher unterhöhlte
Erzgebirge brachte. Dabei wurden quasi alle möglichen männlichen
Arbeitskräfte zu Bergleuten akquiriert (1950 rund 100.000
Mitarbeiter!).
Christian
Kleinschmidt, ein 18-jähriger Professorensohn aus Leipzig , der sich
vor seinem Studium in der Praxis bewähren soll/will, gehört wie
eine Handvoll unterschiedlicher Gesellen zu der neuen Ladung frischer
Arbeitskräfte in Bermsthal, die der Leser bis zum Schluss in ihrer
unterschiedlichen Entwicklung durch die realsozialistische Unter- und
Obertagewelt begleitet. Ein zweiter Handlungsschwerpunkt bildet eine
größere Papierfabrik, die im gleichen Erzgebirgsstädtchen
angesiedelt ist und die Alltagsprobleme von Arbeitern und
Angestellten in der sozialistischen Wirklichkeit abbildet. Die
Verbindung der beiden Orte besteht in den Fischers, einer
rudimentären Einheimischenfamilie, die aus Vater und Tochter
besteht. Während Hermann, als altgedienter Steiger und Kommunist die
bergbaulichen Neuaufschlüsse leitet, engagiert sich Ruth als erste weibliche Maschinenführerin der Papierherstellungswelt. Beide verkörpern die ehrlichen, ihre neue Stellungen oft hinterfragenden,
Vertreter des neuen Systems, die nassforschen Parteigängern auch
heftig kritisieren können. Einer von ihnen ist der Kaderleiter
Nickel, ein junger Berliner mit null praktischer Erfahrung, dessen
zeitweise Liaison mit Ruth am Vorabend des 17. Juni
zerbricht.
Einzelne Abschnitte mit dieser Protagonistengruppe spielen in Ostberlin, Leipzig, Chemnitz, an der (unvermeidlichen)
Ostsee und das 20. und letzte Kapitel endet in Halle an der Saale .
Im
6. Kapitel wechselt die Handlung überraschend an den
Mittelrhein/Ruhrgebiet, wo eine vollkommen andere Geschichte um Irene Hollenkamp erzählt wird. Sie liebt einen jungen Journalisten, der
sich mit jungen Intellektuellen heiße Philosophie- und
Politikgespräche liefert. Später taucht diese Lokalität samt
Familienumfeld mehrfach wieder auf. Beide Stränge verknüpfen sich
über eine Familienbeziehung zu Kleinschmidts und vor allem die alten
Vorbesitzer/Leiter der Bermsthaler Fabrik, zu denen Papa Hollenkamp
gehört, wo generalstabsmäßig die Flucht der dort verbliebenen
Fachleute in den Westen organisiert wird.
Erwin
Strittmatter: Ole Bienkopp (1963):
die Bodenreform; er schaufelt sich zu Tode
Christa
Wolf: Der geteilte Himmel (1963):
Die
Erzählung handelt von der 19-jährigen Rita Seidel und ihrem Freund Manfred Herrfurth und spielt kurz vor dem
Johannistag
des
Jahres 1961, also kurz vor dem
Mauerbau.
Rita
und Manfred, grundverschieden – sie vom Lande , er aus der Stadt,
sie schwärmerisch, er technisch-rational –, begegnen sich beim
Dorftanz und werden ein Paar. Sie leben dann gemeinsam bei seinen Eltern in
Halle,
Manfred arbeitet als Chemiker und Rita besucht das Lehrerseminar und
arbeitet als Teil ihrer Ausbildung in einer „Brigade“
des Waggonbauwerks
Ammendorf.
Manfred
wächst in einer zerstrittenen Familie auf. Er verliert den Glauben
an das sozialistische Wirtschaftssystem, nachdem eine seiner
Entwicklungen von den Wirtschaftsfunktionären der DDR abgelehnt
wird. Deshalb geht er über Berlin (Ost) in den Westen. Rita reist
ihm nach und versucht, ihn zur Rückkehr zu bewegen, doch er will
bleiben. Rita aber fühlt sich im Westen fremd und fährt nach Halle
zurück. Kurz darauf wird die Berliner
Mauer gebaut
und trennt die beiden endgültig. Rita versucht sich umzubringen und
wird dabei ohnmächtig. Als sie später aufwacht, befindet sie sich
im Krankenhaus. Aus der Perspektive der soeben erwachten Patientin
erzählt sie rückblickend ihre Geschichte mit Manfred.
Christa
Wolf: Nachdenken über Christa T. (1968) (+Was hat bei dem Buch zur
Nachzensur geführt?)
Die
Ortschaft, in der sich die Erzählerin und Christa T. im November
1943 in der Schule kennenlernen, liegt zwei Fahrstunden von Berlin
entfernt.
Beyersdorf
und
Altensorgesind
Nachbarorte. Christa T., Tochter eines Dorfschullehrers, kommt aus
dem knapp 50 Kilometer entfernten Eichholz bei Friedeberg.
Die jungen Mädchen in der Klasse stehen auch nach dem Attentat
vom 20. Juli 1944 treu zu Adolf Hitler .
Die
Erzählerin und Christa T. verlieren sich 1945 aus den Augen,
begegnen sich jedoch 1952 an der Uni
Leipzig beim
Pädagogikstudium
wieder.
Umdenken ist angesagt; neue Namen stehen auf den Broschüren: Gorki und Makarenko .
Christa T. Liest
Dostojewski
und
schreibt. Schreibend auf dem „Weg zu sich selbst“ entdeckt und
behauptet sie sich; nähert sich den Dingen. Während
des mehrjährigen Lehrerstudiums in Leipzig verlässt Christa T., die
als wirklichkeits fremd gilt , mitunter – unruhig geworden– ihre
Kommilitonen, kommt aber stets wieder zurück. Dem Wunsch der Eltern,
die Stelle ihres Vaters zu übernehmen, folgt sie nicht. In den
Leipziger Jahren malen sich die künftigen Pädagogen ihre Paradiese
aus – gleichviel ob mit Gas oder Atomstrom beheizt, es sind ihre
Refugien, es ist ihre Sache. Mit
den Jahren verflüchtigen sich die Luftschlösser. Der Streit über
die Ausgestaltung der Utopien geht in einstimmigen Chorgesang über.
Am
22. Mai 1954 beendet Christa T. ihr Studium. In Leipzig hatte sie
Justus, einen Veterinär, kennengelernt, den sie 1956 heiratet. Im
selben Jahr wird ihr Tochter Anna geboren. Manchmal sucht Justus
seine Verwandten in Westdeutschland auf. In der siebenjährigen Ehe kommen noch zwei Kinder zur Welt. Des Öfteren fahren Justus und
Christa T. gemeinsam über Land. Für ihre Skizzen „Rund um den
See“ lässt sich Christa T. von den Bauern Geschichten erzählen.
Später beschließt das Paar, auf dem Land zu bleiben, wo Justus als
Tierarzt tätig ist. Das Ehepaar baut ein Haus , einsam gelegen, auf
einer kleinen Anhöhe am See. Bauen bedeutet in der DDR für
Intelligenzler ohne „Beziehungen“ eine beträchtliche
Kraftanstrengung. Die Ehe ist glücklich; nur einmal erlaubt sich
Christa T. einen Seitensprung mit einem Jagdfreund von Justus. Der
Gehörnte schafft das Problem aus der Welt, indem er seine Frau ein
weiteres Mal schwängert.
Christa
T. schluckt Unmengen Prednison gegen Leukämie.
Auf den Tod an Panmyelophise erkrankt,
bringt Christa T. im Herbst 1962 ihr drittes Kind, ein Mädchen, zur
Welt. Im darauf folgenden Februar stirbt sie.
Ulrich
Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W. (1968/1972)
der
Konflick zwischn individuellen Glücksanspruch und
realsozialistischem Alltag
Edgar
Wibeau wurde von seinem Vater verlassen, als er fünf Jahre alt war.
Nach dem Tod Edgars mit 17 Jahren befragt sein Vater Personen, die
seinem Sohn nahe standen, um ihn im Nachhinein kennenzulernen.
Edgar
wächst in DDR-Zeiten bei seiner Mutter als Musterschüler und
Vorzeigeknabe auf. Nach einem Streit mit seinem Lehrmeister Flemming
tut er, was er schon lange tun wollte – er verschwindet mit seinem
Freund Willi aus seinem Heimatort, der fiktiven Kleinstadt
Mittenberg, und geht nach Berlin.
Willi zieht es jedoch bald wieder nach Mittenberg zurück. Edgar
bleibt allein in Berlin, wo er in einer verlassenen Laube neben
einem Kindergarten unterkommt.
In diesem Kindergarten arbeitet die 20-jährige Charlie , in die er
sich bald verliebt. Dieter, ihr Verlobter und späterer Ehemann, und
Charlie selbst geben Edgar viel zu denken. Der einzige, mit dem Edgar
Kontakt hält, ist sein Jugendfreund Willi. Diesem schickt er
regelmäßig Tonbänder mit Zitaten aus
Goethes Werther ,
die seine eigene Lage gut beschreiben. „Old Werther“ heißt auch
später Edgars „Wertherpistole“, die er gerne einsetzt, wenn
Situationen unangenehm werden oder er sich seiner Sache nicht mehr
ganz sicher ist. Nachdem der junge Rebell an einer Kunsthochschule
nicht aufgenommen worden war, sich selbst als verkanntes Genie aber
nie ganz abschreibt, nimmt er eine Arbeit als Anstreicher auf. Um Addi und Zaremba, seinen Arbeitskollegen, etwas zu beweisen, versucht
er, ein „nebelloses Farbspritzgerät“ zu entwickeln, von dem Addi
auf der Arbeit immer wieder spricht. Beim ersten Versuch, die
selbstgebaute Maschine in Betrieb zu nehmen, wird Edgar durch einen
Stromschlag getötet.
Volker
Braun: Unvollendete Geschichte (1975)
Die
DDR. Karin, eine junge 18-jährige, gerade fertig mit der Schule soll
sich von ihrem Freund Frank trennen. Der Grund: Der Mann ist
aufgefallen, politisch nicht korrekt. Da ihr Vater der
Ratsvorsitzende ist muss sie sich dem beugen. Doch heimlich trifft
sie sich weiter mit Frank und nimmt eine Stelle in dessen Heimatstatt
an, wird schließlich sogar schwanger von ihm. Die Beziehung fliegt
auf, Karin sieht sich vor der Entscheidung, sich zu trennen oder
ihren Job zu verlieren und gesellschaftlich geächtet zu werden. Der Druck zerbricht beide; Frank begeht einen Selbstmordversuch.
Abwechselnd am Krankenhausbett und in den Zwängen der Gesellschaft
der DDR durchlebt Karin die Hölle auf Erden...
Erich
Loest: Schattenboxen (1973) Gert Kohler hat zweieinhalb Jahre im Gefängnis gesessen.Als er entlassen
wird,kehrt er zu seinen Eltern nach Leipzig zurück.Nun will er ein
neues Leben beginen mit carla,seiner Frau,und Jörg,deren Sohn. Aber
dieses Kind, das während der Haftzeit geboren und von einem anderen
stammt,erinnert ihn immer wieder an die Vergangenheit. Aus Furcht,
die fremde Vaterschaft könnte ruchbar werden,sucht er nach einer
Arbeitsstelle möglichst weit weg von zu hause, wo ihn niemand kennt.
Monika Maron: Flugasche (1981)
Der Roman handelt von einer Journalistin namens Josefa Nadler, die
eine Reportage über das gesundheitsschädigende Braunkohlekraftwerk
in der Stadt Bitterfeld schreibt.
Die Reportage wird aufgrund des Inhaltes nicht veröffentlicht, da
die Regierung der DDR verbietet,
dass die negativen Auswirkungen, die die Braunkohleverbrennung auf
Bitterfeld hat, bekannt gemacht werden. Neben dem beruflichen
Konflikt der Protagonistin beschreibt Monika Maron das einsame
Privatleben Josefa Nadlers.
Die
Journalistin Josefa Nadler arbeitet bei der Zeitung „Illustrierte
Woche“ in Ost-Berlin und bekommt von ihr den Auftrag, eine
Reportage über Bitterfeld zu schreiben. Sie entscheidet sich, die
Wahrheit darzustellen, und schildert die Folgen der Emissionen des
Kraftwerks auf Bitterfeld. Die Reportage wird nicht gedruckt, und
Josefa Nadler muss sich vor der Parteileitung der SED sowie
vor vielen Kollegen rechtfertigen und ihren eigenen Standpunkt
erklären. Da ihre Reportage nicht veröffentlicht wird, schreibt sie
einen Beschwerdebrief an den „Hohen Rat“, der der Partei den
Auftrag gibt, die Beschwerdeführerin auf ihre politische Einstellung
zu überprüfen. Am Ende des Romans steht der Erfolg, dass das
Braunkohlekraftwerk in Bitterfeld „unter Berücksichtigung der
Bürger von B.“[1] geschlossen
wird. Die berufliche Zukunft der Journalistin lässt Monika Maron
letztendlich offen.
Josefa
Nadler ist 30 Jahre alt, geschieden, hat einen Sohn und ist allein
erziehend. Ihr Privatleben leidet unter dem beruflichen Druck. Sie
wünscht sich, in ihrem Beruf die Wahrheit schreiben zu dürfen, und
sehnt sich somit nach Presse- und Meinungsfreiheit in
der DDR. Andere wichtige Bereiche, mit denen sich die Autorin in
ihrem Roman beschäftigt, sind die Gefühle der Journalistin wie zum
Beispiel die Geborgenheit sowie die Angst und die Einstellungen der
Bürger zu dem sozialistischen System.
Der
Roman „Flugasche“ ist in der Ich-Perspektive, aus der Sicht der
Journalistin Josefa Nadler geschrieben. Der Leser weiß über die
Gefühle und Gedanken der Protagonistin Bescheid und kann sich in sie
hineinversetzen. Monika Marons Schreibstil ist nicht ungewöhnlich,
sie verwendet kurze, aber auch sehr lange Sätze und viel direkte
Rede. Die Gedanken der Protagonistin gehen manchmal in Träume über,
sodass der Leser verwirrt ist und die Textstelle genauer nachlesen
muss, um sie zu verstehen
„B.
ist die schmutzigste Stadt Europas“[3] ist
der Titel der Reportage, die die Journalistin Josefa Nadler in Monika
Marons Buch Flugasche über
die Stadt Bitterfeld schreibt. In der Zeitung oder im Fernsehen wird
Bitterfeld als ökonomisch hervorragende Stadt beschrieben, doch die
ökologischen Probleme werden verschwiegen, indem über sie nicht in
der Öffentlichkeit thematisiert werden. Der Schwerpunkt des Romans
„Flugasche“ liegt damit auf der Umweltproblematik in der DDR.
Monika Maron schreibt in ihrem Buch, dass ursprünglich in Bitterfeld
ein neues Kraftwerk gebaut werden sollte, damit das alte abgerissen
werden konnte. Doch die Regierung entscheidet, dass das alte
Kraftwerk doch noch gebraucht wird, sodass zwar ein neues, sichereres
und saubereres Kraftwerk gebaut, doch das alte weiter betrieben
wird[4].
Monika Maron fordert, dass das alte Kraftwerk geschlossen wird, und
kritisiert die Entscheidung der Regierung über den weiteren Betrieb.
Zuerst macht diese den Bürgern Hoffnung über die Schließung des
umweltschädlichen Kraftwerkes, doch letztendlich sind es nur leere
Versprechungen. Wenn die Regierung höhere Produktionszahlen
benötigt, sei es doch, so Maron, möglich, das alte Kraftwerk zu
erneuern oder auf andere Kraftwerke umzusteigen, die Bitterfeld
entlasten könnten. Es gebe also andere Möglichkeiten zur
Verbesserung der Lage in Bitterfeld, und für diese setzt sich Monika
Maron ein. Aber der Regierung ist die wirtschaftliche Lage ihres
Landes und somit auch die Produktionssteigerungen wichtiger als das
Wohlbefinden ihrer Bürger.
Christoph
Hein: Der fremde Freund (1982; die Novelle erschien in
Westdeutschland 1983 unter dem Titel „Drachenblut“):
Die
Novelle ist eine Ich-Erzählung. Sie handelt von der alleinstehenden
Ärztin Claudia , die in ihrem Leben in der DDR starke Entfremdung
empfindet. Sie wirkt oftmals teilnahmslos und desinteressiert an den
gesellschaftlichen Umständen. Beschrieben wird die Zeit mit ihrem
Nachbarn Henry . Die Beziehung bleibt jedoch distanziert und kühl,
eine „fremde Freundschaft “. Henrys ironische Gelassenheit trifft
auf Claudias Ängste und Frustrationen. Das Buch dokumentiert eine
tiefgreifende Selbstverleugnung. Claudia ist innerlich von Problemen
zerfressen, kann dies aber weder anderen Menschen noch sich selbst
gegenüber zugeben, sondern verschanzt sich hinter der Maske der
Gefühllosigkeit. Claudias Entfremdung dem Leben gegenüber wird auch
durch ihre Fotografieobsession symbolisiert, wobei sie ausschließlich
unbelebte Motive, wie Ruinen oder Landschaften, wählt. Im 9.
Kapitel, das Claudias Reise in ihre Heimatstadt G. beschreibt, werden
die Gründe für Claudias Lebensprinzip der „fremden Freundschaft“
deutlich. Als Kind hatte sie ihre Freundin Katharina bedingungslos
geliebt. Die Freundschaft zerbrach und Claudia konnte, aus Angst
wieder verlassen zu werden, nie wieder einen Menschen so lieben . Im
letzten Kapitel, in der Erzählgegenwart, bricht Claudia für einen
kurzen Moment aus und gibt zu, dass sie an der Sehnsucht nach
Katharina krepieren wird. Aber schon im nächsten Satz beteuert sie
wieder „Es geht mir gut“.
Erich
Loest: Nikolaikirche (1995)
Gezeigt
wird das Schicksal einer Familie im Spannungsfeld zwischen Stasi und
Friedensbewegung. Während die Hauptfigur, Architektin Astrid Protter
( Barbara Auer),
die Verlogenheit des Systems erkennt und neue Wege sucht, profiliert
sich ihr Bruder Alexander Bacher (Ulrich
Matthes) weiterhin als Stasi-Hauptmann, versucht jedoch
gleichzeitig, seine Familie vor den Nachstellungen der eigenen
Behörde zu schützen. Die Auseinandersetzungen in dem zweiteiligen Film gipfeln in denMontagsdemos von
1989. Während die Staatsmacht mit äußerster Brutalität gegen die
Demonstranten vorgeht, antwortet die Menschenmasse kurz darauf mit
Schweigen und zieht ohne Gewalt am verbarrikadierten Stasigebäude vorbei .
LEKTÜRE:
Heinrich
Böll (1917−1985): Bekenntnis zur Trümmerliteratur (1952)
Wolfgang
Borchert (1921–1947): Die drei dunklen Könige (1946)
Inhalt:
In
den Trümmern einer durch Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs
zerstörten Stadt sucht ein Mann nach Holz. Er kehrt zurück zu
seiner Frau, die vor einer Stunde ein Kind geboren hat. Während die
Mutter erleichtert ist, dass ihr Kind lebt, und das schlafende
Neugeborene im Schein des Holzofens von einem Heiligenschein umgeben
sieht, ist der Vater von tiefem Zorn über die Kälte und die elenden
Umstände erfüllt, unter denen die Geburt stattfinden musste.
Vergeblich sucht er nach jemandem, den er dafür verantwortlich
machen und an dem er seine Wut auslassen kann.
Drei
Männer in alten Soldatenuniformen werden vom Feuerschein angelockt
und treten ins Haus, um sich aufzuwärmen. Der erste Soldat hat nur
noch Armstümpfe, weil ihm seine Arme erfroren sind. Er schenkt dem
Vater Tabak. Der zweite Soldat hat Ödeme an
den bandagierten Füßen. Er schenkt dem Kind einen Esel aus Holz, an
dem er sieben Monate geschnitzt hat. Der dritte Soldat hat ein
Nervenleiden und zittert ununterbrochen. Er habe im Krieg zu viel
Angst gehabt, erklären seine Kameraden. Er schenkt der Mutter zwei
Bonbons.
Als
sich die drei Soldaten über das Kind beugen, schreit es aus
Leibeskräften. Daraufhin gehen sie wieder. Der Mann sinniert, sie
wären sonderbare Heilige gewesen, doch die Frau verweist auf das
Kind, das jetzt ganz lebendig sei, so schreie es. Sie erinnert daran,
dass Weihnachten sei. Am Ende wird das schlafende Kind vom
Feuerschein erleuchtet.
Form:
Kåre
Eirek Gullvåg nannte Die
drei dunklen Könige eine
„wahre“ Kurzgeschichte mit
einem Umfang von kaum 700 Wörtern. Auch die einzelnen Sätze sind
kurz, die Sprache schlicht: Subjekt, Prädikat und
einfache adverbiale
Bestimmungen. Nebensätze und Adjektivewerden
spärlich eingesetzt. Die Substantive stehen
in den Grundformen, werden kaum einmal zu Komposita zusammengezogen.
Der Stil kommt ohne Ornamente und Verzierungen aus, die Sätze
werden parataktisch gereiht.
Kennzeichnend für die Parataxe sind häufige Satzanschlüsse mit
„da“ oder „dann“, sowie der an den Satzanfang
gestellte Artikel . Albrecht Weber sah die Sprache der Geschichte zerlegt in ihre
Grundbestandteile. Strukturell sei Die
drei dunklen Könige gebaut
wie ein Drama in
drei Akten,
wobei der mittlere Akt, der Auftritt der drei Dunklen, wiederum in
drei Szenen mit
der Übergabe der jeweiligen Geschenke gegliedert sei. In der Mitte
der Geschichte befinde sich das Geschenk für das Kind, der Esel aus
Holz, der für Geduld stehe, sowohl symbolisch als
auch im Prozess seiner Entstehung.[2]
Die
Figuren der Geschichte sind Typen ohne
Namen und Individualität. Sie reden Alltagssprache,
bleiben auf ihre Funktion reduziert und könnten Jedermann sein. Das
Kind wird nur über sein stets durch Adjektive begleitetes „Gesicht“
angesprochen, seine Reaktionen bleiben beschränkt auf Schlafen und
Schreien. Dagegen werden die Dinge personifiziert:
das Pflaster erschrickt, die Planke seufzt, die Tür
weint.[3] Nacheinander
treten Mann, Frau und Kind auf, wird die Familie in die Geschichte
eingeführt. Insbesondere im ersten Abschnitt bleiben die
beschriebenen Handlungen isoliert, unterstreichen durch ihre
Zerstückelung die Trümmerlandschaft der Stadt. Den Handlungsablauf
muss sich der Leser selbst erst zusammenfügen. Immer wieder werden
Gegensätze gesetzt: das Dunkel und die Kälte der nächtlichen Stadt
gegen die Helligkeit und Wärme des Feuers, das Weinen der Tür gegen
das Lachen des Mannes, die zerstörten Häuser gegen das Gesicht des
Kindes, das „schon alles“ hat, „was
dazugehört“.[4][5] Auffällig
ist der häufige Gebrauch vonHilfsverben,
doch „sein“ und „haben“ stehen in der Nachkriegszeit für
mehr als bloß für ihre grammatische Funktion.
Der hoffnungslosen Situation begegnen die Figuren mit ihrem
Lebenswillen, der im Text seinen Widerklang im wiederholten „Aber“ findet
Interpretation :
Nach
Albrecht Weber entwerfe bereits der erste Satz eine Situation: „Er
tappte durch die dunkle Vorstadt.“ Die graue Vorstadt werde in
der dunklen Nacht zum doppelten Zeichen von Tristesse und
Trostlosigkeit. Ihre Zerstörung spiegele sich in den Reaktionen der
Gegenstände, die seufzen und weinen. Sie fühlen den Schmerz stärker
als die Menschen, die für die Zerstörung verantwortlich zeichnen.
Selbst der Mond und die Sterne , auf deren Abwesenheit hingewiesen
werde, symbolisieren Entbehrung. Der Mann, der in dieser Situation
durch die Trümmer steige, sei verbittert. Er suche nach einem
Gegner, den er für seine Not verantwortlich machen könne. „Aber
er hatte keinen, dem er dafür die Fäuste ins Gesicht schlagen
konnte.“ Es bleibe ihm nur, seinen Kampf auf das Überleben zu
richten. Während er durch das eingesammelte Holz die Existenz
sichere, warte die Frau in einer klassischen Rollenverteilung auf
seine Rückkehr und behüte das Kind. Im Gegensatz zu ihrem Mann
besitze sie ein feines Gespür für das entstandene Leben, erkenne
schon früh dessen höheren Sinn , indem sie einen Heiligenschein um
den Kopf des Neugeborenen wahrnehme.
Das
Kind werde zur Hoffnung, angedeutet durch das Licht , in dem es liege.
Die „drei Dunklen“ dagegen kommen aus der Nacht. In ihrem Streben
zum Licht lassen sie sich vom Vater nicht abwehren. Doch sie haben
keine Entschuldigung dafür, in das Zimmer einzudringen, und
schweigen. Die Geschenke, mit denen sie sich für die
Gastfreundschaft bedanken, erhalten ihren besonderen Wert nicht durch
ihre materielle Kostbarkeit, sondern dadurch, dass sie für die
Schenkenden Opfer seien. Dabei habe der Esel, das Geschenk des
Kindes, den höchsten ideellen Wert. Während seiner Entstehung seien
glückliche und verzweifelte Stimmungen von Monaten verarbeitet
worden. Nun werde er eingetauscht für einen kurzen Moment im Licht
und die Hoffnung, die das Kind ausstrahle. Die Begegnung mit den drei
Dunklen lasse die Eltern beschenkt zurück, nicht bloß materiell,
sondern indem sie den ideellen Reichtum begreifen, den sie aneinander
und an ihrem Kind trotz aller materiellen Not haben. Der Zorn des
Mannes vergehe, und ihm werde das Heilige der Begegnung offenbar:
erst nenne er die drei Dunklen „Sonderbare Heilige“, dann „Schöne
Heilige“.[8] Die
Frau ziehe die Verbindung zur Weihnacht. Die Kälte und die
Hoffnungslosigkeit seien überwunden, die Familie habe zum Glauben
und zur Geborgenheit gefunden.[9]
Wilhelm
Große sah im Heiligenschein, den die Mutter im Licht um ihr Kind
erkenne, den ersten Höhe- und Umschlagpunkt der Geschichte. Hier
werde erstmals das Motiv der
Geburt zu Betlehem offenbar,
in dem Mutter und Vater zu Maria und Josef werden,
das Kind zum Erlöser,
der eine dem Tod geweihte Welt rette. Dabei seien der Tod und die
Erlösung in der Geschichte symbolisiert durch die Gegensätze von
Dunkel und Hell . Ganz unköniglich und vom Krieg gezeichnet treten
die Heiligen
Drei Könige auf, die dem Licht gefolgt seien wie dem Stern von Betlehem. Im Gegensatz zu ihrem dunklen und zerlumpten
Äußeren, erweisen sie sich durch ihre Handlungen als Könige. Am
Ende werden sie selbst vom Kind erlöst, nach dessen Schreien sie
„die Füße aufhoben und zur Tür schlichen“.[8] Im
Schrei des Kindes liege das Leben. Große schloss mit dem Urteil:
„Die Kurzgeschichte ist eine säkularisierte,
in die Nachkriegszeit verlegte, moderne Weihnachtsgeschichte.“[10]
Auch
für Kåre Eirek Gullvåg entschlüsselte sich die Struktur der
Geschichte aus ihrem Ende. Mit der Erwähnung, dass die Geburt
anWeihnachten stattgefunden
habe, werde Licht auf den vorherigen Ablauf geworfen, die
Ähnlichkeiten und Unterschiede zur biblischen Weihnachtsgeschichte
treten zutage. Die Funktion des Lichts markiere die zentralen Stellen der Geschichte. Aus
ihnen legte Gullvåg eine Einteilung der Handlung fest:
Einführung; der Mann tappe im Dunkeln.
Das Kind trete in Erscheinung, als zum ersten Mal Licht auf sein Gesicht falle.
Die Frau sehe im Licht um das Kind einen Heiligenschein, wodurch der Gegensatz zwischen Sein und Schein aufgebaut werde.
Das Licht falle auf die drei Dunklen. Obwohl sie aus dem Nichts kommen, haben sie Geschenke zu geben.
Das Licht falle ein letztes Mal auf das Kind; zuvor bloß „ warm “, ist es nun „hell“ geworden.
Am
Ende habe das Licht des Kindes die Menschen erhellt, wobei diese
Erhellung innerlich zu verstehen sei. Der Mensch finde Hoffnung in
der Nächstenliebe, werde zum Mitmenschen. Auch der Zorn des Vaters
wolle sich nicht länger in Gewalt Bahn brechen. Der Vater habe sein
Verhältnis zum Leben gewandelt.[11]
Manfred
Durzak verglich Die
drei dunklen Könige mit
der berühmten Vorlage The Gift of the Magi ,
einer Short
Story von O.
Henry. In beiden Geschichten werde die materielle Notsituation
eines Paares vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund – bei O. Henry
die Große Depression – an einem Weihnachtsabend abgehandelt.
Borcherts Geschichte sei allerdings wesentlich straffer, nüchterner
und zugespitzter erzählt als jene von O. Henry. Gleichzeitig sei sie
in der Vermittlung des Ethos zurückhaltender.
Beide Geschichten richteten sich an ein unterschiedliches Publikum:
O. Henry schreibe für Zeitschriften und den Konsum einer breiten
Leserschaft, während für Borchert der Adressat seiner Texte nicht
ein Unterhaltung Suchender sei, sondern der Mitbetroffene, der
Schicksalsgenosse.[13]
Paul
Celan (1920–1970): Die Todesfuge (Ende 1944 / Anfang 1945)
Ingeborg Bachmann (1926–1973): Der gute Gott von Manhattan (1958)
Form
und Handlung:
Die
Handlung ist auf zwei Ebenen verteilt. Auf der äußeren Ebene läuft
eine Gerichtsverhandlung an einem heißen Augusttag in den
1950er-Jahren in New York City ab.
Der Richter erkennt in dem Angeklagten, einem alten Mann, den guten Gott von Manhattan. Der gute Gott hat die 23-jährige Studentin Jennifer umgebracht. Die Vorgeschichte der Bluttat wird auf der
inneren Ebene in Rückblenden nacherzählt. Es findet beständig
Ebenenwechsel statt.
Der
gute Gott ist unzufrieden. Seine Bombe sollte eigentlich auch noch
Jan, den Geliebten der Amerikanerin Jennifer, zerreißen. Aber der
junge Europäer, unverletzt geblieben, wartete nicht einmal das
Begräbnis der Geliebten ab, sondern nahm sein Schiff nach Cherbourg.
Dabei wollte Jan doch bleiben und mit Jennifer leben und sterben. Das
hatte er ihr geschworen.
Der
allwissende gute Gott tritt als der Nacherzähler[3] der oben genannten inneren Ebene auf. Er sieht sich nicht als
Angeklagter, sondern als Kronzeuge und will dem Richter nun „ sagen ,
wie es kam“[4]:
Dem
Zug aus Boston entstiegen,
hatte Jennifer den ortsfremden Jan auf dem Grand Central Bahnhof angesprochen,
ihm gestanden, ihr gefielen Europäer und Hilfe angeboten. Jan
behauptete, er käme allein zurecht. Die beiden nehmen im Parterre
eines Stundenhotels das letzte freie Zimmer. Jan fordert Jennifer
auf, sie möge sich ausziehen. Das junge Liebespaar verlässt danach
bald das ungastliche Haus und wechselt das Hotel . Dabei geht es immer
höher hinaus. Vom Erdgeschoss des Stundenhotels aus wird ein Zimmer
im 7. Stock des Atlantic Hotels - allerdings mit Blick auf den Hof -
bezogen. Später geht noch höher hinaus, zunächst zum 30. Stockwerk
und schließlich bis in den 57. Stock mit Meerblick. Jan will
Jennifer lieben, bis er alt und hinfällig ist. Jennifer hätte nie
geglaubt, dass Liebe so ohnmächtig machen kann. Kinder wollen beide
zusammen haben. Jennifer möchte am liebsten die Zeit anhalten.
Solches
Glück ist für den guten Gott, für den Liebe schlimmer ist als
Ketzerei[5],
keinesfalls hinnehmbar. Also muss das junge Paar „in die Luft
fliegen“[6].
Dieser Gott von Manhattan bringt doch tatsächlich persönlich eine
Bombe - als Geschenk verpackt - vorbei. Jennifer nimmt die tödliche
Ladung dankend entgegen. Jan springt dem sicheren Tod zufällig von
der Schippe. Er will ewig bei Jennifer bleiben. Deshalb möchte er
nur rasch seine Schiffskarte zurückgeben.
Zwar
hält der Richter die Anklage aufrecht, doch er schweigt; verurteilt
den guten Gott nicht, der nur „die ganze Wahrheit und nichts als
die Wahrheit“ gesagt
hat.
Goethe
Das
Leitmotiv heimlicher Liebe „Sag es niemand.“ stamme aus dem
Gedicht „Selige
Sehnsucht“ von Goethe:
Sagt
es niemand, nur den Weisen ,
Weil
die Menge gleich verhöhnet:
Das
Lebendige will ich preisen,
Das
nach Flammentod sich sehnet.
Und
so lang du das nicht hast,
Dieses:
Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf
der dunklen Erde.
Wie
bei Goethe, so sei auch bei Bachmann die Liebe an den Tod gebunden.
Bachmanns Text fehle aber die Goethesche Hoffnung - also das „Stirb
und werde!“
Der
Wunsch des Liebespaares nach dem Anhalten der Zeit finde ebenfalls
sein Pendant bei Goethe. Jennifers „Ich möchte jetzt alles so
hinlegen und stellen, als blieb es für
immer“[56] entspräche Fausts „Verweile
doch! du bist so schön!“ Zudem bespöttelt der gute Gott Jans
Glück im Unglück: „Er war gerettet. Die Erde hatte ihn
wieder.“[57] Bei
Goethe heißt es „Ist
gerettet!“
und „die
Erde hat mich wieder!“
Ingeborg
Bachmann: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar (1959)
Christa
Wolf (1929–2011): Der geteilte Himmel (1963):
Handlung:
Die
Erzählung handelt von der 19-jährigen Rita Seidel und ihrem Freund
Manfred Herrfurth und spielt kurz vor dem Johannistag des
Jahres 1961, also kurz vor dem Mauerbau.
Rita
und Manfred, grundverschieden – sie vom Lande, er aus der Stadt,
sie schwärmerisch, er technisch-rational –, begegnen sich beim
Dorftanz und werden ein Paar. Sie leben dann gemeinsam bei seinen
Eltern in Halle,
Manfred arbeitet als Chemiker und Rita besucht das Lehrerseminar und
arbeitet als Teil ihrer Ausbildung in einer „Brigade“
desWaggonbauwerks
Ammendorf.
Manfred
wächst in einer zerstrittenen Familie auf. Er verliert den Glauben
an das sozialistische Wirtschaftssystem, nachdem eine seiner
Entwicklungen von den Wirtschaftsfunktionären der DDR abgelehnt
wird. Deshalb geht er über Berlin (Ost) in den Westen. Rita reist
ihm nach und versucht, ihn zur Rückkehr zu bewegen, doch er will
bleiben. Rita aber fühlt sich im Westen fremd und fährt nach Halle
zurück. Kurz darauf wird die Berliner
Mauer gebaut
und trennt die beiden endgültig. Rita versucht sich umzubringen und
wird dabei ohnmächtig. Als sie später aufwacht, befindet sie sich
im Krankenhaus. Aus der Perspektive der soeben erwachten Patientin
erzählt sie rückblickend ihre Geschichte mit Manfred.
Stil
Die ganze Erzählung findet auf zwei Ebenen statt.
Die erste Ebene spielt im Krankenhaus (nach ihrem Unfall) und wird
von Rita in der allwissenden Erzählerrede (auktorial)
erzählt. Dort wird im Präsens beschrieben,
wie ihr Leben im Krankenhaus abläuft (Gespräche mit Besuchern
etc.). Diese Ebene ist folglich das Jetzt.
In
der zweiten Ebene wird die ganze Handlung beschrieben,
alles das, was in der Inhaltszusammenfassung steht. Diese Ebene wird
im Imperfekt,
aber auch mit direkter
Rede von
einer dritten Person geschildert. Diese Person ist keine aus der
Erzählung, sie ist einfach der Erzähler, der auch mehr
Informationen hat als Rita selbst. Oft sind diese Ebenen
durch Kapitel getrennt,
jedoch erfolgt solch ein Wechsel auch nicht selten von einem Absatz
zum anderen.
Christa
Wolfs Gebrauch der direkten Rede erinnert stark an den von Eveline
Hasler (Anna
Göldin). Genau wie bei ihr muss die direkte Rede nicht zwingend in
Anführungszeichen stehen. Abgesehen davon ist die Erzählung aber
leicht verständlich formuliert. Viel mehr als
der Basiswortschatz wird
nicht gebraucht; dafür setzt Wolf aber historische Kenntnisse
voraus, die vor allem die DDR vor
dem Mauerbau betreffen.
Rita
Anfänglich ist Rita ein junges, unerfahrenes Mädchen in einem
kleinen Dorf im Osten Deutschlands. Ihre Kindheit ist sicher nicht
die leichteste gewesen, sie ist ohne Vater aufgewachsen und hat die
Schule wegen Geldmangel frühzeitig beenden müssen. Dennoch bekommt
sie eine Arbeit im örtlichen Versicherungsbüro. Diese Arbeit jedoch
gefällt ihr nicht sonderlich. Die große Wende kommt mit dem
Eintreffen von Manfred und Schwarzenbach. Als sie von Schwarzenbach
die Möglichkeit bekommt, ihr Leben zu ändern, zögert sie daher
nicht und nimmt ihre Chance wahr. Von nun an muss sie weitgehend auf
eigenen Füßen stehen, da ihre neue Umgebung, ihre neuen
Bekanntschaften ihr noch fremd sind. Sie schafft es aber sehr gut,
ihr Leben in der Stadt zu organisieren, vor allem durch die Hilfe
ihrer Arbeitskollegen, allen voran Meternagel.
Mit
der Zeit wird sie immer reifer und trifft zunehmend selbst
Entscheidungen, indem sie z. B. in die Stadt zieht. Sie ist auch eine
sehr wichtige Person für Manfred. So hört sie ihm oft geduldig zu,
während dieser ihr seine Sorgen erzählt. Und oft steht sie ihm auch
mit gutem Rat zur Seite. So gesehen übernimmt sie in dieser Hinsicht
auch die Rolle der Eltern, für welche Manfred keine sehr innigen
Gefühle hegt und die er deshalb auch nie um Hilfe bitten würde.
Doch umgekehrt ist es ähnlich. Manfred muss auch des Öfteren als
Tröster für Rita in Erscheinung treten.
Abschließend
kann man sagen: Rita ist eine eigenständige, reife Frau geworden,
die ihr Leben meistern kann und auch nach mehreren Schicksalsschlägen
(Tod des Vaters, Trennung von Manfred, …) immer wieder aufsteht und
weiter macht.
Ulrich
Plenzdorf (1934–2007): Die neuen Leiden des jungen W. (1968/1972)
Edgar
Wibeau wurde von seinem Vater verlassen, als er fünf Jahre alt war.
Nach dem Tod Edgars mit 17 Jahren befragt sein Vater Personen, die
seinem Sohn nahe standen, um ihn im Nachhinein kennenzulernen.
Edgar
wächst in DDR-Zeiten bei seiner Mutter als Musterschüler und
Vorzeigeknabe auf. Nach einem Streit mit seinem Lehrmeister Flemming
tut er, was er schon lange tun wollte – er verschwindet mit seinem
Freund Willi aus seinem Heimatort, der fiktiven Kleinstadt
Mittenberg, und geht nach Berlin.
Willi zieht es jedoch bald wieder nach Mittenberg zurück. Edgar
bleibt allein in Berlin, wo er in einer verlassenen Laube neben
einem Kindergarten unterkommt.
In diesem Kindergarten arbeitet die 20-jährige Charlie, in die er
sich bald verliebt. Dieter, ihr Verlobter und späterer Ehemann, und
Charlie selbst geben Edgar viel zu denken. Der einzige, mit dem Edgar
Kontakt hält, ist sein Jugendfreund Willi. Diesem schickt er
regelmäßig Tonbänder mit Zitaten aus
Goethes Werther,
die seine eigene Lage gut beschreiben. „Old Werther“ heißt auch
später Edgars „Wertherpistole“, die er gerne einsetzt, wenn
Situationen unangenehm werden oder er sich seiner Sache nicht mehr
ganz sicher
ist. Nachdem der junge Rebell an einer Kunsthochschule nicht
aufgenommen worden war, sich selbst als verkanntes Genie aber nie
ganz abschreibt, nimmt er eine Arbeit als Anstreicher auf. Um Addi
und Zaremba, seinen Arbeitskollegen, etwas zu beweisen, versucht er,
ein „nebelloses Farbspritzgerät“ zu entwickeln, von dem Addi auf
der Arbeit immer wieder spricht. Beim ersten Versuch, die
selbstgebaute Maschine in Betrieb zu nehmen, wird Edgar durch einen
Stromschlag getötet.
Erzählstruktur
:Zu Beginn der Handlung ist die Hauptfigur, der siebzehnjährige
Lehrling Edgar Wibeau, bereits tot. Die Handlung setzt kurz nach dem
Erscheinen der Todesanzeigen damit ein, dass Edgars Vater die Wohnung der Mutter, die Edgar allein großgezogen hat, aufsucht. Im weiteren
Verlauf versucht der Vater Details über Edgars Leben herauszufinden,
um seinen Sohn im Nachhinein „kennenzulernen“. Zu diesem Zweck
spricht er auch mit Willi, Charlie und Edgars Meister Addi. Die in
den Gesprächen angerissenen Themen und Fragen schildert, berichtigt
und kommentiert Edgar aus dem Jenseits in längeren Monologen.
Seine innere Verfassung drückt Edgar mit Hilfe von Zitaten aus
Goethes „Werther“ aus, die er, auf Tonband gesprochen, an Willi
geschickt hatte.
Personen
Edgar
Wibeau:
ist
17 Jahre alt und geboren in Mittenberg, wo er eine Ausbildung an
einer Berufsschule beginnt und später abbricht, um nach Berlin zu
gehen. Nachdem er zuerst arbeitslos in Berlin ist, arbeitet er später
in einer Malerbrigade.
Aus
Gesprächen seiner Mutter und seines Vaters ist zu erkennen, dass
Edgars Vater die Familie früh verließ und nach Berlin ging, wo er,
wie wir später erfahren, nicht als Maler, wie Edgar behauptet,
sondern als Statiker arbeitet. Edgars Mutter arbeitet an der
Berufsschule in Mittenberg als Leiterin eben jener Schule.
Nachdem
Edgar mit seinem besten Freund Willi aus Mittenberg nach Berlin
gezogen ist, lebt er mit Willi in einer Laube, die Willis Eltern
gehört, und die neben einem alten Kindergarten steht, in dem Charlie
arbeitet, die zu Edgar ein ähnliches Verhältnis hat wie Charlotte zu Werther in den Goethes „Leiden des jungen Werther“.
Edgar
zu charakterisieren ist insofern schwer, als Edgar von den Personen
seines Umfelds als komplett verschiedene Person beschrieben wird.
Während Willi ihn als guten Maler, kreativ, „Chef in allen
Fächern“ und konsequentes Genie bezeichnet, denken andere wie Addi
und Charlie eher negativ über ihn, und bezeichnen ihn als
„vernagelten Idioten“, „Nichtskönner“ und Angeber.
Aus
all diesen verschiedenen Aspekten kann man sehen, dass Edgar eine
eher exzentrische Person ist, die der Person, die ihm gegenüber
steht, genau zeigt, was er von ihr denkt . Er ist aber eher schüchtern
gegenüber Charlie, was es schwer macht, einzuschätzen, wie seine
Beziehung zu ihr ist, ob er sie nun wirklich liebt oder ob sie für
ihn einfach nur ein Mädchen oder „ Flirt “ ist. Ihm ist es im
Laufe des Buches egal, was die anderen Charaktere von ihm denken, er
ist antiautoritär, und wir können annehmen, dass er nichts vom
kommunistischen System hält. Andererseits finden wir keine
entsprechend klare Äußerung, nur sein Verhalten lässt darauf
schließen, da er nichts tut und auch in der Malerbrigade kaum
arbeitet.
Nachdem
er in seinem fünften Lebensjahr von seinem Vater verlassen worden
war, wird er unter der Obhut seiner Mutter zu einem absoluten
Musterschüler, der sich nie an Streichen beteiligt, sogar wenn die
Ideen von ihm stammen. Irgendwann reicht es ihm, und er reißt
zusammen mit seinem Freund Willi nach Berlin aus. Edgar wird ein
typischer Rebell, der sich nichts gefallen und sich von fremden
Vorschlägen nicht beeinflussen lässt. Mit seiner Liebe zu Charlie
kommt er ganz gut zurecht, wenn man bedenkt, dass er keine Chancen
bei ihr hat und dies auch weiß. Edgar würde sich
selbst wahrscheinlich als „Steher“ bezeichnen, der sich weder von
anderen beeinflussen lässt noch mit dem Mainstream mitschwimmt,
sondern sich seine eigene Meinung bilden kann. Trotz seines
wahrscheinlich guten und intellektuellen Charakters ist unverkennbar,
dass er eben doch noch ein wenig Kind ist und es ihm an Erfahrung
fehlt.
Charlie Schmidt :
Charlie weiß nie, was sie von Edgar denken soll. Sein Wesen
erschließt sich ihr von Anfang bis Ende nie vollständig.
Offensichtlich mag sie Edgar als Person, seinen Lebensstil jedoch
nicht. Sie ist eine „starke“ Frau, die sich nicht so schnell
unterkriegen lässt, erst recht nicht von Dieter, ihrem Verlobten.
Manchmal bekommt man den Eindruck , sie wolle Dieter mit Edgar
betrügen, was dann aber, bis auf einen Kuss, nie passiert. Charlie
ist hübsch, intelligent und freundlich, andererseits ignorant ,
arrogant und streitlustig und damit eine Protagonistin, die nur mit
widersprüchlichen Kategorien zu beschreiben ist.
Dieter:ist
ein „Spießer“.
Er ist arrogant und egozentrisch,
wenn auch möglicherweise ein guter Kerl. Er lebt streng nach Regeln
und Richtlinien und braucht diese auch, um sein Leben zu
strukturieren. Sein „Charme“ ist beeindruckend und wird
funktionalisiert, um Charlie bei ihm, dem Möchtegern-Gentleman, zu halten . Wenn Charlie nicht wäre, hätten Dieter und Edgar
wahrscheinlich ganz gut miteinander auskommen können.
Vater, Herr Wibeau ist
36 Jahre alt und wohnt mit seiner jungen Freundin in einem Penthouse
in Berlin. Er verließ seine Frau und sein Kind und interessiert sich
erst nach dem Tod seines Sohnes um dessen Leben.
Else Wibeau, Leiterin, klassenbewusst und Edgars Mutter: Mutter
Wibeau hat sich nie allzu sehr um ihren Sohn gekümmert, verlangte
ihm immer viel ab und war vermutlich sehr gekränkt, nachdem Edgar
Mittenberg verlassen hatte. Dennoch liebt sie Edgar und unterstützt
ihn, so gut es geht. Nachdem er ausgerissen war, scheint es, als
kümmere sie sich nicht mehr besonders um ihn. Dennoch erzwingt sie
von Willi den Aufenthaltsort von Edgar in Berlin.
Addi
Berliner:
Brigadeleiter einer Malerbrigade ist recht jähzornig und ein guter
Mensch. Edgar beschreibt ihn als Steher, wahrscheinlich Edgars größte
Auszeichnung. Auch wenn Addi öfter mit ihm streitet, verstehen sie
sich ganz gut. Nach Edgars Rauswurf bekommt Addi ein schlechtes
Gewissen, das er auch nach dessen Tod behält.
Zaremba:
Edgar hält viel von Zaremba, vor allem weil dieser – trotz seines
Alters – noch so fit und aktiv ist. Er rückt Zaremba in die Nähe
seiner Idole aufgrund der Tatsache, dass der Über-Siebzigjährige
noch immer arbeitet, obwohl er längst in Rente gehen könnte. Der
Anstreicher ist sehr diplomatisch und schlichtet des Öfteren Streit
zwischen Addi und dem jungen Wibeau. Als überzeugter Sozialist
repräsentiert Zaremba den Typus des idealen Kollektivmitglieds, das
sich für den gesellschaftlichen Arbeitserfolg auch über autoritäre
Umgangsweisen mit den anderen Kollektivmitgliedern, einschließlich
des Außenseiters Wibeau, hinwegsetzt.War im spanischen Bürgerkrieg,
hadert mit der Gewerkschaft und der Partei.
Willi:
Willi ist Edgars alter Jugendfreund und die einzige Person, mit der
er Kontakt hält. Der „Verrat“ an Edgars Mutter ist leicht
verständlich und nachvollziehbar. Man erfährt nicht sehr viel von
Willi, außer, dass Edgar sich Willi mit Zitaten aus
Goethes Werther per
Tonband anvertraut.
Günter
Grass (geb. 1927): Mein Jahrhundert (1999)
→
Kapitel „1900“, „1927“, „1937“, „1959“, „1968“,
„1999“.
Peter Stamm (geb. 1963): Das schönste Mädchen (1999)
Michael Lentz
(geb. 1964): Muttersterben (2001)
Daniel
Kehlmann (geb. 1957): Die Vermessung der Welt (2005):
Der
Roman beginnt 1828 mit einer Reise Gauß', des „Fürsten
der Mathematik“,
von Göttingen nach Berlin zur
historisch verbürgten 17. Tagung der Gesellschaft
Deutscher Naturforscher und Ärzte,
wohin ihn Humboldt eingeladen hat. Von dieser Reise an stehen die
beiden Wissenschaftler in Korrespondenz miteinander
und tauschen sich über ihre Projekte aus.
In
diese Rahmenhandlung eingebunden sind die kapitelweise abwechselnd
chronologisch erzählten Lebensläufe von Gauß und Humboldt,
beginnend mit ihrer Kindheit, sich ausbreitend über ihre
vielfältigen Entdeckungen und endend mit ihrem reifen, durch die
Einsicht in ihre schwindenden Kräfte getrübten Alter. Beide waren
zeitweilig auch alsLandvermesser tätig,
was dem Romantitel eine zunächst ganz praktische Bedeutung gibt. Die
beiden Hauptfiguren Gauß und Humboldt haben jeweils eine
Ergänzungsfigur neben sich, Gauß seinen Sohn Eugen und Humboldt den
Assistenten Aimé
Bonpland,
die wie die von den Landvermessern verwendeten Spiegel die déformation
professionnelle der
beiden Hauptfiguren sichtbar machen.
Gauß
wird auf seiner Reise nach Berlin von seinem ungeliebten Sohn Eugen
begleitet, der die Zumutungen dieser Reise nach Berlin noch dadurch
steigert, dass er als naiver Provinzler in einen Kreis von
nationalbewegten Studenten gerät und mit ihnen zusammen aufgrund
der Karlsbader
Beschlüsse von
1819 verhaftet und misshandelt wird. Während Humboldt seinen
Einfluss nutzen will, um Eugen zu befreien, ist Gauß das Schicksal
seines Sohnes nicht nur gleichgültig, sondern er düpiert sogar den
verschämt bestechungswilligen preußischen Polizeioffizier, so dass
die Befreiung scheitert.
Humboldt
kann später dennoch etwas für Eugen tun, der von der politischen
Polizei Preußens schließlich
ins Exil nach
Amerika geschickt wird und damit auch der väterlichen Feindschaft
entgeht. Indem Gauß' Sohn seine Reise auf den Spuren von Humboldts
erster amerikanischer Expedition beginnt,
verbindet er die Biografien der beiden spröden alten Männer, deren
Leben und deren isolierte Einzelwissenschaftler-Methode nicht mehr
als vorbildlich erscheinen.
Erzählweise:
Der Erzählrhythmus wird durch die schnelle Folge der mathematischen
und geografischen Entdeckungen bestimmt. Eine Biografie rekonstruiert
Daten, Taten, Aufenthalte – dieser Roman dagegen verzichtet darauf
fast vollständig, erzählt aber dennoch sehr übersichtlich und
zielstrebig: Sechzehn zwischen acht und vierzig Seiten lange Kapitel tragen treffende Titel (Die
Reise, Das Meer ,
usw.), die den Gestus der Transparenz wissenschaftlicher Abhandlungen
imitieren.
Der lakonische Stil
kurzer Sätze ist die Basis für an das Deutsch des 19. Jahrhunderts
erinnernde Wendungen und die überwiegend in indirekter
Rede geschriebenen
Dialoge, welche mehr als nur eine historische Distanz des Autors zu
seinen Figuren signalisieren.
Im
Mikrobereich der Abschnittswechsel sorgen
z. B. elliptische Überblendungen
für Dynamik: „Er [Humboldt] müsse Gauß unbedingt sagen, dass er
jetzt besser verstehe.“ Und ohne dass Gauß über diesen Gedanken
per Post informiert sein könnte, setzt dieser 1800 Kilometer
weiter westlich im direkt folgenden Absatz fort: „Ich weiß, daß
Sie verstehen.“
In
dieser fiktiven Doppelbiografie haben die Lebensläufe der beiden
Hauptfiguren keine weiteren Berührungspunkte als die nur
gelegentlichen Bezugnahmen des fast lebenslänglich daheim bleibenden
Gauß auf Nachrichten von Humboldts Amerikareise lange vor ihrer
Bekanntschaft und den späteren Kontakt in der Rahmenhandlung. Ihre
nur punktuellen Interaktionen lassen sie mehr zu Repräsentanten von
Einstellungen als zu Trägern einer gemeinsamen Handlung werden. Das
Gemeinsame ist ihre auf meist unterschiedlichen Gebieten sich
entwickelnde frühe wissenschaftliche Kompetenz, die aber der
Lesbarkeit wegen immer nur romanhaft angedeutet wird.
Gemeinsam
ist ihnen vor allem die Behandlung ihres Lebens durch den Erzähler:
Der spricht als auktorialer
Erzähler von
einem Standpunkt dicht neben seinen beiden Hauptfiguren, von denen er
Gauß mehr von innen und Humboldt mehr von außen beschreibt. Der
Erzähler kennt die Gefühle seiner Hauptfiguren zwar, aber was er
von ihnen mitteilt, ist meist nur auf ihre wissenschaftlichen
Projekte reduziert. Die Figuren bleiben daher ohne Tiefe: Humboldt
und Gauß, der immerhin anfangs noch schwört, seine sibirische
Prostituierte zu heiraten, scheinen sich auf ein Leben ausschließlich
für die Wissenschaft zu
reduzieren. Gauß zum Beispiel springt schon in der Hochzeitsnacht
eines mathematischen Einfalls wegen aus dem Bett und vergisst später
den Geburtstermin seines ersten Sohnes; für den Kontinentdurchquerer
Humboldt bleiben Frauen ein Leben lang terra incognita.
In einem Dialog mit seinem Bruder wird jedoch schließlich auch auf
die vermutete Homosexualität Humboldts
hingewiesen.
Der
Erzählton ist durchwegs ironisch. Die vielseitigen Einseitigkeiten
der Hauptfiguren werden mit Humor vorgeführt und viele
anekdotenhafte Ereignisse aus ihren Leben komisch überformt. Gauß
erscheint schon auf den ersten Seiten wie ein großes Kind und als
Humboldt mit seinem Bruder Wilhelm (dessen Vorname im gesamten Buch
nicht genannt wird) am Totenbett seiner Schwägerin sitzt, vergessen
beide, „geradezusitzen und klassische Dinge zu sagen.“ Der junge
Eugen Gauß hat einige Schwierigkeiten, sich abends in dem für ihn
unüberschaubaren Berlin zu orientieren: „Immer neue Straßen,
immer noch eine Kreuzung, und auch der Vorrat an umhergehenden Leuten
schien unerschöpflich.“ Die dann folgende Verhaftungsszene der
revolutionär-naiv-weinerlichen Studenten steigert noch einmal die
durch den Erzählton vermittelte Distanz zu den Figuren.
Unschwer
zu erkennen sind auch die Parallelen zu Narziß
und Goldmund von Hermann
Hesse:
Zwei Charaktere, die vieles gemeinsam haben, doch grundverschiedene
Wege wählen. In beiden Werken entscheidet sich eine der beiden
Hauptpersonen (Humboldt bzw. Goldmund), zu reisen, um die Welt
kennenzulernen, während die andere (Gauß und Narziß)
ausschließlich durch das Denken ihren Erfolg erzielen will.
Besonders deutlich wird die Ähnlichkeit durch Humboldts letzte Reise
nach Russland, wo er die Reise nicht „genießen“ kann und
schlussendlich erkrankt.
Beutung:
Diese ironische Entzauberung deutscher Intelligenzgeschichte
ist eine der
immanenten Deutungsmöglichkeiten. Gauß scheitert grandios an seiner
Menschenrolle, der ältere Bruder Humboldts wehrt sich
haarspalterisch gegen die Vorstellung, die Erfolge der Humboldtbrüder
seien auf ihre banale Rivalität zurückzuführen: „Weil es Dich
gab, mußte ich Lehrer eines Staates, weil ich existierte, hattest Du
der Erforscher eines Weltteils zu werden, alles andere wäre nicht
angemessen gewesen.“ (Großschreibung im Original.)
Eine
weitere Bedeutung erschließt sich aus der Antwort auf die Frage nach
den Auswirkungen der Wissenschaft auf die sie tragende Gesellschaft.
Gauß' politisch reaktionäre Einstellung ist auch im Roman deutlich
– er wird eine Verbesserung der Lage der Untertanen seines Herrn
nicht einmal gewünscht haben. Anders der Franzosenfreund Humboldt,
der im Roman Zweifel äußert, ob seine amerikanische Flussreise
„Wohlfahrt für den Kontinent gebracht“ habe und damit z. B.
auch anknüpft an Diogenes von Sinope,
der schon im 4. Jahrhundert vor Christus gefragt haben soll, ob
alle Entdeckungen und Erfindungen etwas an der Mühsal der Mehrheit
geändert hätten.
Einen
dritten Aspekt offenbart das Kapitel, das die Russlandexpedition
Humboldts von 1829 schildert. Im Roman ist der alte und hier schon
trottelige Forscher während der Reise von Lakaien umzingelt, die im
Auftrage des Zaren und des preußischen Königs verhindern, dass
Humboldt mehr zu sehen bekommt, als er sehen soll. Der Forscher wird
unfreiwillig zu einem embedded scientist und
die von ihm bereiste Welt zu seinem „potemkinschen
Dorf“.
Was kann ein Wissenschaftler wirklich jenseits der Hauptstraßen der
Macht erkennen? Hat somit Humboldt oder Gauß mehr gesehen von der
Welt? Humboldt jedenfalls ist sich da am Ende nicht mehr sicher, er
hätte „auf einmal nicht mehr sagen können, wer von ihnen weit
herumgekommen war und wer immer zu Hause geblieben.“
Die Vermessung der
Welt darf daher auch als ihre Ver-Messung gelesen
werden.
Die
Frage der Authentizität
Um das Buch entzündeten sich schon bald nach Erscheinen Debatten um
inhaltliche Unstimmigkeiten. Im Romantext finden sich zahlreiche
Abweichungen von der historischen Realität, die jedoch überwiegend
von Kehlmann so beabsichtigt gewesen seien. Er habe sich dabei an der
Tatsache orientiert, dass verschiedene deutsche Klassiker in
biographischen Dramen sehr frei mit der historischen Wahrheit
umgingen (etwa Schiller in Die
Jungfrau von Orléans, Goethe in Egmont oder Kleist in Prinz
Friedrich von Homburg).
Aus diesem Grund habe er in der Vermessung
der Welt die Daguerreotype in
die Handlung eingebaut, als sie noch überhaupt nicht existierte
(1828). Weiterhin wird im Text Goethe noch mit seinem bürgerlichen
Namen bezeichnet, obwohl er bereits geadelt war (in der damaligen
Zeit ein unmöglicher Faux-pas) oder die von Gauß
entdeckte Osterformel zur
Berechnung des Osterfestes wird im Roman fälschlicherweise schon in
dessen Jugendzeit gelegt und unter falschem Namen veröffentlicht.
Dieses Phänomen hat in der Literaturkritik bereits einen eigenen
Namen erhalten: Brombacher-Effekt,
nach der erfundenen absurden Begegnung Humboldts mit einem Deutschen
im südamerikanischen Urwald, mit dem er aber nichts weiter zu tun
haben will, denn Deutsche treffe man ohnehin daheim in Mengen. Dass
diese Erfindungen von Kehlmann nicht kenntlich gemacht werden, hat
bereits dazu geführt, dass erfundene Zitate Kehlmanns als originäre
Humboldt-Äußerungen verwendet wurden.
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